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Leben & Glauben

Die Olma Bratwurst im Christbaum

Er ist Symbol für Lebenskraft und gehört zu Weihnachten, obwohl er eigentlich nichts mit der Bibel zu tun hat: der Christbaum. In Sachen Weihnachtsschmuck sind keine Grenzen gesetzt. Jetzt kommen die Olma Bratwurst und Jasskarten für den Baum.

Seinen «Siegeszug» hat der Weihnachtsbaum angetreten, als er in evangelischen Kreisen als Brauch übernommen wurde. 200 Jahre später ist seine Popularität in Kirchen, Stuben und auf öffentlichen Plätzen ungebrochen. Und sie geht weiter, vor allem in der Ostschweiz.

In Kreuzlingen wurde am Wochenende des 11. Dezembers 2016 sogar ein Weltrekordversuch unternommen: Am Weihnachtsmarkt konnte die ganze Bevölkerung Weihnachtsschmuck mitbringen, um zum meistgeschmückten Christbaum beizutragen. Für einen Weltrekord hat es zwar nicht gereicht, es kamen aber mehr als 6000 Schmuckstücke zusammen.

Jasskarten statt Kugeln
Voll und ganz dem Christbaumschmuck verschrieben hat sich die St. Galler «Weihnachtsfrau» Carmela Lüchinger: Aus lauter Freude hat sie in ihrem Weihnachtsladen das grösste Angebot der Schweiz mit über 5000 Ornamenten zusammengestellt. In ihrem Laden sind einige davon das ganze Jahr ausgestellt.

Sie hat sich intensiv mit dem weihnächtlichen Brauchtum auseinandergesetzt und erklärt: «Die Palette widerspiegelt die ganze Geschichte des Weihnachtsschmucks. Früher wurde – noch vor den Kugeln – figürlicher Baumschmuck verwendet, zum Beispiel Früchte, Figuren, Zeppeline oder sogar Würste aus Glas. Erst später kamen die Kugeln in Mode.»

Von Weihnachtsschmuck und Tradition begeistert, hat sie auf diese Weihnachten hin Schweizer Jasskarten und die St. Galler Bratwurst als filigran-gläsernen, handbemalten und mundgeblasenen Christbaumschmuck herstellen lassen. Offenbar mit durchschlagendem Erfolg, denn die Olma-Bratwurst als Christbaumschmuck war bereits zweimal ausverkauft.

Zur Bratwurst kam es, weil es in Deutschland und Amerika den Brauch der Weihnachtsgurke gibt: «Davon liess ich mich inspirieren und übertrug das Gedankengut auf unsere Region», sagt die Glaskunst-Liebhaberin: «Kinder dürfen nach der Weihnachtsgurke am Christbaum suchen. Wer sie zuerst findet, kriegt ein Extra-Geschenk. Das könnte man doch auch mit der Bratwurst machen», schlägt Lüchinger vor, die natürlich auch die Weihnachtsgurke im Sortiment anbietet.

«Der Sinn bleibt bestehen»
Lüchinger betont, dass der Sinn von Weihnachten bestehen bleibe. Sie finde es wichtig, dass nicht nur aktive Christen durch dieses Brauchtum einen Bezugspunkt zu Weihnachten finden oder behalten. Offensichtlich habe die Gesellschaft nach wie vor Interesse am Brauch, den Christbaum zu schmücken, und an der Weihnachtsbotschaft.

Im Verlaufe der Zeit ändere sich indes die Formensprache. Sogar interreligiöse Symbole hat die «Weihnachtsfrau» zu Christbaumschmuck machen lassen – in der Hoffnung, dass die christliche Botschaft des Friedens zum Ausdruck kommt. Dazu zählen etwa jüdische Symbole wie der Davidstern, eine Schriftrolle oder der siebenarmige Leuchter. Selbst muslimische Motive haben im Weihnachtsladen Eingang gefunden.

«Christentümlich», nicht «christlich»
Besteht nun die Gefahr der Verwässerung der Botschaft oder könnte sich an solchem Schmuck gar ein «Glaubenskrieg» entfachen? Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich, beruhigt, denn streng genommen sei kein Brauch «christlich» oder «biblisch»: «Wenn christlich ‹christentümlich› meint, gehört der Weihnachtsbaum dazu. In früheren Jahrhunderten begnügte man sich mit Zweigen. Die Baumfeier in der bürgerlichen Stube ist relativ jung.»

Er glaube nicht, dass mit aussergewöhnlichem Schmuck besser auf die Weihnachtsbotschaft sensibilisiert werden könne. Es komme auch nicht drauf an, was am Baum hängt: «Das ist eine Frage des guten Geschmacks und nicht der Theologie.» Er selber als Reformierter finde: «Schlicht ist schön. Wenn andere lieber Barockes oder Rockiges am Baum mögen, dürfen sie das gerne tun.»

Das Wichtigste sei für ihn an Weihnachten, «dass Jesus Christus in uns wie durch uns für andere sichtbar und spürbar auf die Welt kommt».

Neugier im guten Sinn wecken
Pfarrer Jakob Bösch, Thurgauer Synodalpräsident und ehemaliger St. Galler Kirchenrat, gibt zu bedenken, dass der Christbaum schon fast zum Mittelpunkt der Feiern gehört. Indes: «Er trägt viel zu festlicher Stimmung und Freude bei. Solange er nicht den Kern der Sache verdeckt, darf er gern seinen Platz haben.»

Er bezweifle, dass «origineller Schmuck mehr als Bewunderung und gute Umsätze für das Geschäft bringt». Zu Ornamenten mit Sujets anderer Religionen sagt der Präsident des interreligiösen Arbeitskreises Thurgau, sie erinnerten höchstens daran, «dass wir mit Menschen zusammenleben, die anders glauben als wir. Aber sie zielen natürlich nicht ins Zentrum der Botschaft von der Geburt Christi, sondern lenken eher davon ab.»

Solcher Schmuck könne denn wohl auch wenig bis nichts zum interreligiösen Dialog beitragen. «Aber wenn er Neugier im guten Sinn weckt und uns dazu führt, jüdische oder muslimische Mitmenschen nach ihrem Glauben zu befragen, hat er einen guten Dienst getan.»

Cyrill Rüegger / Kirchenbote / 14. Dezember 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».