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Wirtschaft

Was ein Leben prägt

«Geld und Geist» ist nicht nur ein Bestseller-Roman von Jeremias Gotthelf. Auch auf der Leinwand wurde er zum Publikumserfolg. Das reformatorische Wertesystem zieht sich durch Jahrhunderte bis in die Gegenwart hindurch. Fazit: Nicht das Geld selbst, sondern der Umgang mit ihm entscheidet darüber, was es bewirkt.

Franz Schnyder hat Jeremias Gotthelf mit mehreren Verfilmungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Albert Bitzius (1797-1854) – wie Gotthelf mit bürgerlichem Namen hiess – verfasste seinen Roman «Geld und Geist – oder die Versöhnung» als zweibändigen Fortsetzungsroman im Abstand von zwei Jahren. In beiden Bänden charakterisiert er zwei Familien durch ihre je eigene Haltung zum Geld. In der ersten Folge ist es der ungemäss- unvorsichtige Umgang mit anvertrautem materiellem Gut, im zweiten Band dominiert die Habsucht, die böse Folgen zeitigt: Der geldgierige Dorngrüt-Bauer bezahlt seine Leidenschaft mit dem Leben.

Was christlicher Ethik entspricht
Die Werke des Pfarrers von Lützelflüh im Berner Emmental spiegeln seine ethische Überzeugung und zugleich sein pädagogisches Feuer. Am Roman «Geld und Geist» liess er die Leserschaft lernen, welcher Umgang mit Geld nach seiner Meinung christlicher Ethik entsprach. Veruntreuung, Spekulation und Geldgier führen nur auf den ersten Blick zu Reichtum, sie bewirken vor allem Vertrauensverlust und bedrohen das Leben.

Zwei neutestamentliche Aspekte
Das Neue Testament kennt einerseits Kritik am «Mammon» (siehe auch Seite 5). Martin Luther übersetzte den Begriff nicht, so dass er zum Gegenbegriff zu Gott wurde; «Mammon» wurde quasi zur Bezeichnung für «vergötzten» Reichtum, ja gar zum personifizierten Abgott. Andererseits kann neutestamentlich die Nutzung vorhandenen Geldes aber auch ein Mittel zum Zweck der Nächstenliebe (siehe auch Seite 7) sein.

Kritik am «Erlösungskapitalismus»
Martin Luther wertete die kirchliche Verzahnung von Geldspenden und Sündenvergebung als Irreführung, so dass Willi Winkler in seiner Lutherbiographie die Haltung des Reformatoren zum Geld als Kritik an einer «Frömmigkeitsindustrie» und am «Erlösungskapitalismus » der damaligen Zeit beschreibt. Luthers «Massstäbe für die Auseinandersetzung mit dem Geld, Kredit und Zins waren immer die Nächstenliebe und die Billigkeit, von denen her er dann auch Missbräuche benennen konnte und allen Gefahren für versuchliche Menschen vorbeugen wollte», beschreibt Andreas Pawlas Luthers Haltung zum Umgang mit dem Materiellen. Huldrych Zwingli betonte im Umgang mit Besitz, dass alles Gott gehöre und der Mensch nur sein Verwalter sei und bemühte sich vor diesem Hintergrund um gerechtere Verhältnisse bis hin zu Bodenreformplänen.

Zinsen ja – Wucher nein
Johannes Calvin, von dem zu Unrecht behauptet wird, er habe den Kapitalismus vorgepfadet, verurteilt zum Beispiel die Zinswirtschaft nicht. Bis zu fünf Prozent erklärte er für angemessen und wirkte so Wucherzinsen entgegen. Ähnlich geschah es unter dem Einfluss Zwinglis in Zürich 1529. Georg Plasger, Theologe und Calvin-Experte, weist auf Calvins Sachverstand im Umgang mit Geld hin. Immer ist seine Beschäftigung mit dem Materiellen auch vom notwendigen diakonischen Aspekt geprägt. Wirkungsgeschichtlich sei das unter anderem an der gegenwärtigen Haltung des Reformierten Weltbundes zu sehen, der ein scharfer Kritiker neokapitalistischer Strukturen sei.
Die Reformatoren haben sich letztlich deshalb mit diesen Fragen auseinandergesetzt, weil sie sich alltagsorientiert um die Menschen und ihre Haltung zum Leben und zu Gott sorgten. Sie fordern damit noch heute Christen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Reichtum und Besitz heraus – gegenüber Gott, dem Nächsten und sich selbst.


(Tibor Elekes / Karin Kaspers-Elekes, 24. Mai 2018)