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Wirtschaft

Digitalisierter, göttlicher Geist

«Geld und Geist» – Turbulenzen damals zu Zeiten des Romanautors Jeremias Gotthelf im kleinbäuerlichen Umfeld, aber auch heute im Zeitalter der Konsumgesellschaft und Digitalisierung.

Die Digitalisierung und fortschreitende Konsumorientierung hat aus christlicher Sicht Vorund Nachteile. Wurde das Gedankengut der Bibel und Reformatoren dank der Druckerpresse und dank Büchern erstmals vervielfältigt und allen Menschen zugänglich, so können im digitalen Zeitalter dank Bibel-Apps Bibelzitate und Auslegungen ortsunabhängig jederzeit abgerufen werden. Während aber zu Zeiten der Reformatoren und auch Gotthelfs das Gemeinschaftserlebnis im Gottesdienst zum Bibellesen gehörte, wird im digitalen Zeitalter – ganz der gesellschaftlichen Entwicklung entsprechend – die Individualisierung immer grösser: Einerseits werden mehr Menschen erreicht, andererseits büsst die gemeinschaftliche Dimension des Glaubenslebens an Bedeutung ein.

IT-Firmenrating rüttelt auf
Noch etwas anderes, rein Materielles ist im digitalen Alltag Realität: Die Computer, Tablets oder Mobiletelefone werden mit einer Lebensdauer von drei oder vier Jahren produziert. Ein Handy ist manchmal schon nach zwei Jahren Elektroschrott, weil abertausende Gigabytes Daten konsumiert werden. Das wird möglich, weil billig produziert wird und viele Konsumenten das neueste, schnellste, vielseitigste Gerät haben wollen. Die Produktionsbedingungen von Mobilgeräten in asiatischen Ländern gelangen immer wieder ins Kreuzfeuer. Im Rahmen eines IT-Firmenratings haben das evangelische und katholische Hilfswerk Brot für alle beziehungsweise Fastenopfer 2017 beurteilt, wie fair und nachhaltig Smartphones und Laptops produziert werden. Danach steht es weiterhin bedenklich schlecht um die Arbeitsbedingungen, während Fortschritte beim Umgang mit Rohstoffen aus Konfliktgebieten konstatiert werden und dringender Handlungsbedarf beim Einsatz von Giftstoffen bestehe.

Glorreich, aber auf Kosten anderer
Deshalb verdeutlicht das Themenmagazin «Insist » – herausgegeben vom gleichnamigen Institut und der Schweizerischen Evangelischen Allianz – zur Frage der Digitalisierung: Gerade als Christen in der westlichen Welt müsse man der Tatsache in die Augen blicken, dass «die glorreichen Errungenschaften unserer digitalisierten Gesellschaft zu einem Preis erkauft werden, den Menschen in anderen, weniger privilegierten Teilen der Erde zu bezahlen haben». Das heisse aber umgekehrt nicht, dass man wieder zu den Lebensgewohnheiten von «Höhlenmenschen» zurückkehren soll. Auch Jesus sei mit Haut und Haaren in unsere Welt eingetaucht: «Ihm heute nachfolgen, kann nur heissen, als Teil einer revolutionären Bewegung ganz bewusst in einer digitalisierten, multimedialen Welt zu leben.» Es gelte sich zu fragen, wie man die neuen Möglichkeiten zur Gemeinschaft, Kontaktpflege und Gedankenaustausch in den Dienst des Reiches Gottes stellen könne. Theologe Manuel Schmid kommt zum Schluss: «Ich rufe die jungen Vordenker und Unternehmer heraus, sich neue Wege, Businesspläne und Firmenideen auszudenken, um dem sozialen Gefälle und den Ausbeutungsverhältnissen in unserer digitalisierten Welt entgegenzuwirken. Lasst uns gerade an dieser Stelle zeigen, dass ein anderer Geist in uns wohnt, getrieben von der Leidenschaft für die Kirche als revolutionäre Bewegung und für das Wohl der Menschen!»


(Roman Salzmann, 24. Mai 2018)