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Kirche

Gegenseitige Unterstützung der Reformierten ist unabdingbar

27.11.2019
Am 30. August wählte die Synode der italienischen Waldenserkirche Alessandra Trotta zur neuen Moderatora (Kirchenratspräsidentin). Die Sizilianerin folgt auf Eugenio Bernardini und ist die erste Methodistin in diesem Amt. Die studierte Juristin ist 51 Jahre und weilte kürzlich in Bern.

Beim Besuch der Schweizer Freundeskreise der Waldenserkirche antwortete sie auf die Frage, warum die Schweizerinnen und Schweizer die Waldenser immer noch unterstützen sollen: «Die freundschaftlichen Beziehungen und die gegenseitige Unterstützung der Reformierten nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa, hat historische Wurzeln und ist eine wichtige Tradition. Zudem kann die Waldenserkirche für die europäischen reformierten Kirchen eine «Laborfunktion» haben. Denn die Herausforderungen an eine Minderheitskirche sind überall ähnlich.» 

Schweizer Unterstützung nach wie vor nötig
Zudem sei der diakonische Einsatz der Waldenserkirche zwar zu einem grossen Teil aus dem «Otto per mille»-Geld finanziert, sagte Trotta. Doch auch bei diesen Projekten werde aber «kirchliches» Geld benötigt. Und es sei und bleibe das kirchliche Leben unabdingbare Voraussetzung für den Einsatz für die Letzten der Gesellschaft. Dieser Teil der Kirche brauche weiterhin finanzielle Unterstützung.

Zuerst die Letzten – politisch unter Druck
Auch die aktuelle Situation der Waldenserkirche in Italien kam in Bern zur Sprache. «Prima gli ultimi» der Waldenserkirche bezieht sich auf die aktuell verbreiteten nationalistischen Slogans «Primi gli italiani» oder «America first». «Mit «prima gli ultimi» sind nicht nur die Immigranten gemeint, sondern auch Alte, Behinderte, Arbeitslose, Obdachlose und weitere Randgruppen. Dieses diakonische Engagement ist ökumenisch breit abgestützt, politisch aber immer wieder sehr umstritten. Mit hässlichen Worten wird manchmal sogar der Entzug des Beitrags an «Otto per mille» angedroht», sagte die neue Kirchenratspräsidentin. 

Waldenser mit der Gegenstimme
Die Waldenserkirche verstehe sich als Gegenstimme gegen die auch in Italien weit verbreitete homophobe, fremdenfeindliche und rassistische Haltung, so Trotta. Dafür vernetze sie sich mit anderen Bewegungen, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzten. Die Waldenserkirche hat sich zur Aufgabe gesetzt, vor Ort präsent, sicht- und hörbar zu sein. «Allerdings sind die einzelnen Kirchgemeinden oft klein und haben nicht immer ausreichend Ressourcen zur Erfüllung dieses Auftrages», erklärte die Moderatora.  

Neue Bedürfnisse 
Eine zusätzliche Schwierigkeit ist für die Waldenserkirche in Italien die sich verändernde Zusammensetzung der Gemeinden: Die traditionellen jahrhundertealten Zugehörigkeiten von Familien zur Waldenserkirche lösen sich auf. Dafür stossen zunehmend neue Mitglieder, die einen langen Weg der spirituellen Suche zurückgelegt haben, zu den Kirchgemeinden, die sie gastfreundlich aufnehmen. Die Bedürfnisse dieser neuen Mitglieder sind unterschiedlich. Die einen suchen mit protestantischem Hintergrund eine evangelische Kirche, andere kommen mit schmerzlichen Erfahrungen aus evangelischen und katholischen Kirchen zu den Waldensern und suchen eine Möglichkeit, den Glauben authentisch zu leben. Deshalb stellt sich bereits unter den italienischen Gemeindegliedern die Frage, wie man gemeinsam Kirche sein kann. 

«Mit hässlichen Worten wird manchmal sogar der Entzug des Beitrags an «Otto per mille» angedroht.»

Als neue Herausforderung kommen zu diesen italienischen Gemeinschaften evangelische Christen aus Immigrationsländern dazu. Sie werden als gleichwertige Mitglieder verstanden, die die Gemeinden bereichern. Gemeinsam gilt es herauszufinden, was Kirche-Sein unter diesen Voraussetzungen bedeutet. Wie kann das traditionelle, fast militante «Waldenser-Sein» den neuen Umständen angepasst werden? Dieser Prozess verändert auch die Spiritualität der traditionellen Mitglieder.

Herausforderung der Fakultät in Rom
Die vielfältige Durchmischung der Kirchgemeinden fordert auch die Fakultät in Rom heraus. Die Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer ist auf das traditionelle Pfarramt ausgerichtet. Um dem mittlerweile interkulturellen Charakter der Gemeinden gerecht zu werden, brauche es neue Ausbildungswege, auch bei den ehrenamtlichen Laien, so Trotta.

Herausforderung Waldensertäler
Die Waldensertäler hatten früher als Zentrum der Waldenserkirche eine massgebende Bedeutung für die Gesamtkirche. Immer noch leben dort die Hälfte aller Mitglieder in ganz Italien. Heute sind die Gemeinden in den Tälern in einer besorgniserregenden ökonomischen und kulturellen Krise. Denn viele junge, oft gut ausgebildete Menschen verlassen die Täler. Wer bleibt, engagiert sich wenig bis gar nicht im öffentlichen Leben. Die starken, historisch gewachsenen Waldenserstrukturen sind bei denen, die bleiben, fest verankert. Immer wieder stellt sich dort besonders die Frage. Wie können wir eine lebendige Kirche sein? 

Schwerpunkte in den nächsten Jahren

In den nächsten Jahren werde die kirchliche Seite der Waldenserkirche mehr in den Fokus gerückt, damit neue Perspektiven für das «Kirche sein in einer veränderten Gesellschaft» entwickelt werden könnten, erklärte Alessandra Trotta abschliessend. Die neue Moderatora ist guten Mutes und will die grossen Herausforderungen mit Vertrauen und Engagement angehen, zusammen mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihrer Kirche.

Weitere Informationen: www.waldenser.ch / www.chiesavaldese.org

 

Text: Pfr. Hans Rapp, Vizepräsident Waldenserkomitee in der deutschen Schweiz, Basel  – Kirchenbote SG, 27. November 2019

Das Waldenserkomitee der deutschen Schweiz

Das Waldenserkomitee wurde im Jahr 1978 mit Unterstützung der Kantonalkirchen der deutschen Schweiz gegründet und als Verein gem. Art. 60ff ZGB eingerichtet. Er besteht aus den Delegierten der Kirchen- bzw. Synodalräte und einem fünfköpfigen Vorstand. Oberstes Organ ist die Delegiertenversammlung. 
Die Beziehungen der reformierten Schweiz zu den Waldensern gehen zurück auf die Zeit der Reformation und sind seither nie mehr abgebrochen. Es entstanden bereits 1945 schweizerische Freundeskreise und Hilfsgruppen. Um die Unterstützungsaktivitäten zu bündeln, galt es, zusammen mit den Kantonalkirchen ein gemeinsames Komitee zu schaffen. (pd)


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