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Kirche

Die neue Reformation «eingeläutet»

THURGAU. Es braucht eine neue Reformation. Diese Meinung vertritt der renommierte Gemeindebauexperte Klaus Douglass. Unterstützt wird er vom Thurgauer Kirchenratspräsidenten Wilfried Bührer und vielen motivierten Mitarbeitenden, die sich gegenseitig neu inspirierten.

Von Roman Salzmann

Wilfried Bührer brachte es an einer Tagung des Landeskirchenforums in Wil auf den Punkt: «Freiwilligenarbeit ist strategisch nicht einfach zu organisieren und zu planen.» Freiwillige Mitarbeitende dürften aber auch nicht Lückenfüller sein. Es gehe darum, sie in der Nachfolge von Christus möglichst gut einzusetzen. Von den Angestellten erwarte er, dass auch sie sich in der Kirche freiwillig über das eigentliche Pflichtenheft hinaus einsetzen.

Nahe an der Bibel und an der Zeit

Klaus Douglass nahm den Ball auf und betonte, dass es deshalb eine «neue Reformation» brauche. Der Beauftragte für Gemeindeentwicklung der Evangelischen Kirche Hessen- Nassau in Frankfurt sprach aus seiner Erfahrung als Gemeindepfarrer und Berater und zeichnete das Zukunftsbild der Kirche: Sie habe sich laufend zu reformieren, um nahe an der Bibel und nahe am Puls der Zeit zu bleiben.

Lebenshaltung, nicht Beruf

Heute müssten die Kirchen die von Zwingli und Luther zwar propagierten aber dann eher vernachlässigten Grundsätze neu aufnehmen: «Sie muss das allgemeine Priestertum leben.» Priesterschaft im biblischen Sinn sei kein Beruf, sondern eine Lebenshaltung. Priesterschaft bedeute, dass man engagiert vor Gott für Menschen einstehe und sich vor den Menschen für Gott einsetze. Es gelte, sich schützend zwischen den Menschen und die Kräfte des Bösen zu stellen.

Menschen bevollmächtigen

Mit dem allgemeinen Priestertum sei unweigerlich die Frage der Spiritualität verbunden: Es gehe darum, dass Jesus Christus im Mittelpunkt des Handelns stehe. Er verstehe vor diesem Grundsatz die Gemeinde als Räderwerk, in dem die Mitglieder zu geistlicher Mündigkeit geführt und von der Leitung für ihre Dienste bevollmächtigt werden. Wichtig sei es dabei, liebevolle Beziehungen und einen gabenorientierten Priesterdienst zu pflegen: Es gehe nicht um Pflichtbewusstsein oder darum, Aufgaben zu erfüllen, sondern darum, die eigenen Gaben wirkungsvoll einzusetzen und damit in Gottes Berufung hineinzuwachsen.

Menschen mögen

Aus der Kirchgemeinde Bischofszell-Hauptwil berichteten vier Personen über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem allgemeinen Priestertum, die sie mit «Menschen mögen» kurz und prägnant zusammenfassten. Es wurde klar, dass jede Person mit ihrer eigenen Lebensgeschichte versöhnt sein sollte, möge sie noch so schwierig sein. Der Verantwortliche für Mitarbeiterentwicklung in der Kirchgemeinde, Daniel Frischknecht, betonte: «Die Leute suchen keinen Job in der Kirche. Aber sie suchen Wertschätzung und Anerkennung und wollen bei etwas Grossem dabei sein.» Kirchenvorsteher Markus Ibig erklärte, dass er nur dabei sei, weil «andere mir vertrauen und Potenzial in mir gesehen haben, dass ich bis heute noch nicht erkenne». Die ehrenamtliche Ressortleiterin Barbara Müller ist motiviert, weil sie Verantwortung übernehmen kann und weil sie weiss, dass sie akzeptiert wird, auch wenn nicht immer alles rund läuft. Jugendarbeiter Silvio Rüegger hat gelernt, was Wertschätzung, Treue und Verlässlichkeit bedeutet. Er konnte sich persönlich in der freiwilligen Jugendarbeit entwickeln und im christlichen Glauben Fuss fassen, bis ihm vor kurzem die Verantwortung als angestellter Jugendarbeiter übertragen wurde.