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Abschied nehmen ohne Öffentlichkeit?

Was geht verloren, wenn beim Tod eines lieben Menschen auf einen öffentlichen Abschied verzichtet wird? Wie können die Wünsche und Bedürfnisse der Verstorbenen, der Angehörigen und der Menschen, denen der oder die Verstorbene etwas bedeutet hat, berücksichtigt werden?

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«Die Trauerfeier findet in aller Stille statt», ist in der amtlichen Todesanzeige in der Zeitung zu lesen. Immer öfter finden Beerdigungen im privaten Rahmen statt. Die Coronasituation der letzten zwei Jahre hat den Trend weg vom öffentlichen Abschied von verstorbenen Menschen hin zu kirchlichen Abdankungen im kleinen Kreis oder zu einem völligen Verzicht auf einen Abschied verstärkt.

In der Kirchenordnung der Thurgauer Landeskirche aus dem Jahr 2014 wird den vielfältigen Wünschen im Zusammenhang mit dem Abschied von verstorbenen Menschen Rechnung getragen. Unter dem Titel «Bedeutung» wird die kirchliche Abdankung so umschrieben: «Die kirchliche Abdankung ist ein Gottesdienst, in welchem angesichts des Todes und Leides die Erlösung durch Jesus Christus und die Auferstehung verkündigt wird. Sie tröstet die Hinterbliebenen und versichert sie der Nähe der kirchlichen Gemeinschaft. Leben und Person der Verstorbenen sollen in angemessener Weise gewürdigt werden.»

Die Kirchenordnung geht davon aus, dass eine Abdankung als öffentlicher Gottesdienst gestaltet wird, der öffentlich angekündigt wird und für alle zugänglich ist. Unter dem Titel «Verzicht auf öffentliche Bekanntmachung» wird in der Kirchenordnung festhalten, dass Abdankungsgottesdienste «grundsätzlich öffentlich» sind und «mit Glockenläuten angezeigt» werden. Der Erwähnung des «Normalfalls » wird die Möglichkeit der «stillen Abdankung» angefügt: «Wenn die Angehörigen auf eine öffentliche Bekanntmachung verzichten und die Abdankung im Kreis der nächsten Angehörigen stattfindet, wird auf deren Wunsch auf das Glockengeläute verzichtet.»

Die Redaktion des Kirchenboten hat zwei Pfarrpersonen im beruflichen Ruhestand gebeten, sich zum Wert der öffentlichen kirchlichen Abdankung und zum vermehrten Wunsch nach einem Abschied «in aller Stille» zu äussern.

 

(Ernst Ritzi, Bild: Stefan Degen)



Von Hans Joerg Graf, Arbon erfasst am 01.11 2022 15:33

Abdankung im engsten Familienkreis

Wie oft habe ich mich schon im Stillen geärgert, wenn ein Weggefährte oder eine stadtbekannte Persönlichkeit ohne Teilnahme einer breiten Öffentlichkeit, sozusagen «in aller Heimlichkeit», von dieser Welt veraschiedet wurde. Dabei haben doch Viele einige Jahrzehnte ihres langen Lebens miteinander verbracht. Wie wohltuend, die letzten Momente sich mit persönlichen Gedanken und Erinnerungen vom Verstorbenen zu verabschieden. Und welch unbeschreiblich trostreiche Kraft lassen sich Hinterbliebene entgehen, wenn sie sich für eine Abdankung «im kleinen Kreis» entscheiden. Ohne Zeichen langjähriger Verbundenheit Im hohen Alter von 98 Jahren starb vor Jahresfrist ein stadtbekannter und allseits geschätzter Lehrer, der Hunderten von Buben und Mädchen so viel Wissenswertes mit auf ihren Lebensweg gegeben hatte – am Tag seiner Abdankung, im nasskalten Januar, stand ich zusammen mit der Bestatterin und zwei Familiennangehörigen allein (!) am dürftig geschmückten Grab. Keine ehemaligen Schüler, keine Lehrerkollegen, keine Vertretung der Schulbehörde. Nichts. Traurig, einfach nur traurig.

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