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Müsste das Evangelium sozialer sein?

Was haben Not und Elend und ungerechte wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Strukturen mit dem Evangelium, der frohen und befreienden Botschaft Gottes, zu tun?

Not und Armut sind in unserer Gesellschaft nicht auf den ersten Blick sichtbar. In den Unterführungen unserer Bahnhöfe sehen wir Menschen, die um eine Münze der Passanten bitten. «Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan», heisst der Bibelvers (Matth. 25,40), der uns da in den Sinn kommen könnte und müsste. Und wer tut das? Viele von uns würden die christlich motivierte Hilfe für Menschen am Rand unserer Gesellschaft wohl mit der Heilsarmee oder Pfarrer Ernst Sieber und seinen Sozialwerken in Verbindung bringen.

Das «soziale Evangelium» von Pfarrer Ernst Sieber
Am 24. Februar 2017 ist Pfarrer Ernst Sieber 90 Jahre alt geworden. Das «soziale Evangelium», das er Zeit seines Lebens gelebt und gepredigt hat, wird im Leitbild der Sozialwerke Pfarrer Sieber so umschrieben: «Wir wollen Gottes Menschenliebe, Barmherzigkeit und Vertrauen erfahrbar und sichtbar werden lassen. Wir setzen uns konsequent und professionell ein für Menschen in Not, gleich welcher Herkunft, Religion und sozialem Status.» Erwähnt werden im Leitbild aber auch die Grenzen: «In der Wirkmacht des Heiligen Geistes wird unser Handeln nicht besser, aber sie macht vieles möglich, was in unseren Köpfen, Herzen und Händen nicht oder nur halbwegs gelingt.» Für kurze Zeit war Pfarrer Ernst Sieber auch politisch tätig: Von 1991 bis 1995 sass er für die EVP im Nationalrat.

Theologie stellte auch Strukturen in Frage
Not und soziales Elend haben auch eine strukturelle Seite. Wer sich darum kümmert, wird politisch. Das zeigt sich auch in der Geschichte der Heilsarmee, die in England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der methodistischen Bewegung herausgewachsen ist. Aus christlichen Bewegungen kamen damals die Forderungen nach der Abschaffung der Sklaverei, nach sozialem Schutz für die Fabrikarbeiter und nach Gleichberechtigung für die Frauen. Auch die Theologie des 20. Jahrhunderts hat die Frage nach dem «sozialen Evangelium» gestellt, in der vom Schweizer Theologen Leonhard Ragaz geprägten religiös-sozialen Bewegung und in der Befreiungstheologie des Brasilaners Leonardo Boff. Sie hatten in ihren Kirchen keinen Platz oder wurden an den Rand gedrängt.

Die Redaktion des Kirchenboten hat zwei sozial engagierte Thurgauer mit kirchlichem Hintergrund gefragt, wie sie das «soziale Evangelium» leben und verstehen.

 

(Text: Ernst Ritzi, Bild: fotolia.com)



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