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Sind Moral und Ethik schlecht fürs Geschäft?

Die Diskussion zur Konzernverantwortungsinitiative wirft auch in Kirchenkreisen Fragen auf: Wie viel Moral und Ethik darf es sein, wenn es ums Geld verdienen geht? 

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Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) und die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) hatten sich schon in der parlamentarischen Diskussion für einen Gegenvorschlag zur Initiative ausgesprochen, der das Grundanliegen der Initiative mit einer Haftungsregelung aufnehmen würde. EKS und SBK bedauern in ihrer gemeinsamen Stellungnahme zur Volksabstimmung vom 29. November 2020 nun, dass das Parlament es «verpasst» habe, «einen wirksamen Gegenvorschlag zu verabschieden und damit einen Rückzug der Initiative zu ermöglichen».

«Signalwirkung» erhofft
In ihrer gemeinsamen Stellungnahme unter dem Titel «Wirtschaft braucht Menschenrechte » erhoffen sich EKS und SBK von einer Annahme der Konzernverantwortungsinitiative eine «Signalwirkung» für die Anerkennung und Durchsetzung der Menschenrechte und von Umweltstandards. EKS und SBK argumentieren mit der «Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948», die von einer einzigen Menschheitsfamilie spreche und damit auf das Grundverständnis verweise, wie es in der jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck komme.

«Geld, auf dem kein Segen liegt»
Der Thurgauer Kirchenrat hat auf eine Abstimmungsparole verzichtet, aber erklärt, er schliesse sich den verschiedenen kirchlichen Stimmen an, die sich für stärkere Regeln für die international tätigen Konzerne betreffend Schonung der Umwelt und Einhaltung der Menschenrechte einsetzten: «Auf Geld, das unter Missachtung solcher Regeln verdient wird, liegt kein Segen.» Die Redaktion des Kirchenboten hat einen Pfarrer und eine Theologin, die sich im Abstimmungskampf explizit mit einem «Ja» oder einem «Nein» zur Konzernverantwortungsinitiative geoutet haben, danach gefragt, wie sie die Aussage des Thurgauer Kirchenrates beurteilen, dass auf Geld, das unter Missachtung solcher Regeln verdient wird, kein Segen liege.

 

 

(Text: Ernst Ritzi, Bild: pixabay.com)



Von Prof. em. Mark Keller erfasst am 11.11 2020 09:53

Die Kirchen und die Konzernverantwortungsinitiative

Die KOVI scheint die Kirchen und auch die Christen zu spalten. Sowohl Befürworter als auch Gegner berufen sich auf christliche und „ethische“ Werte. Ich sortiere mal. Ich habe 30 Jahre lang Ethik unterrichtet (Gymnasium und PHTG) und gelegentlich per Handaufstrecken erhoben, in welchem ethischen System meine Studierenden denken. Die grosse Mehrheit argumentierte utilitaristisch, aus einem Nutzen-Schaden-Kalkül heraus. Dies ist ihr gutes Recht. Aber Kirchen und Christen können NICHT mit einer Nutzen-Schaden-Rechnung argumentieren, wenn sie ihrem Herrn folgen wollen. Jesus fordert uns in der Golden Regel zur tätigen Nächstenliebe auf: „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen“ – um uns gleich danach davor zu warnen, dabei berechnend zu sein oder utilitaristisch zu denken: „Und wenn ihr denen Geld leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzubekommen“ (Lukas 6,31ff.). Worin liegt der Unterschied zwischen berechnendem Denken und der Idee der Nächstenliebe? Wie alle Menschen möchte ich weder vergiftetes Wasser trinken noch Zementstaub einatmen und auch nicht, dass meine Kinder in einer Mine arbeiten müssen. Für mich folgt daraus, dass ich mich dafür einsetzen soll, dass auch Sie dies nicht müssen – und auch die Menschen in Peru oder Nigeria nicht. Warum? Nur so darf ich erwarten, dass jemand anderes mir hilft. Vielleicht. Allerdings kalkuliere ich schon wieder. Die bessere Begründung aus christlicher Warte: Die Menschen in Peru und in Nigeria sind im gleichen Masse Gottes Geschöpfe wie Sie und ich. Sie verdienen dieselbe, unantastbare Würde und unsere Nächstenliebe. Die bessere Begründung aus rechtlicher Warte, falls Sie nicht religiös sind: Die universellen Menschenrechte gelten – theoretisch – auch in Peru oder in Nigeria. Wenn sie den Menschen dort praktisch nicht zukommen, hat dies teils innenpolitische, teils weltwirtschaftliche Gründe. Viele Regierungen und internationalen Konzerne haben kein Interesse daran, dass Menschenrechte und Umweltstandards eingehalten werden. Beides ist schlecht fürs Geschäft. Hier setzt die Konzernverantwortungsinitiative an. Danke für Ihr JA.

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