Logo
EKS-Krise

Kirchenkrise: Ein Rücktritt aus dem Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) führt zum Rücktritt des Präsidenten und lässt eine Affäre platzen: Hintergründe, Einschätzungen und aktuelle Entwicklungen.


Die Hintergründe

Erst 2020 war die EKS aus dem Kirchenbund hervorgegangen. Nun wird der Rat der EKS bereits durchgeschüttelt. Der Rat ist die schweizerische «Regierung» aller Evangelischen. Auslöser war eine Affäre von Ratsmitglied Pfarrerin Sabine Brändlin und Ratspräsident Pfarrer Gottfried Locher (Bild) in der Vergangenheit: Brändlin demissionierte am 24. April 2020 «aus persönlichen Gründen und wegen unüberbrückbarer Differenzen» Knall auf Fall und in einer knappen Medienmitteilung mit Worthülsen, die viele Fragen offen liessen. Damit löste sie in der Öffentlichkeit das grosse Werweissen aus. Eigentlich wollte der Rat laut dem Thurgauer Ratsmitglied Ruth Pfister die Angelegenheit vor der Kommunikation in der Öffentlichkeit intern sorgfältig besprechen.

Noch schlimmer machte dieser Rücktritt die Situation, weil er bald in Zusammenhang mit der Beschwerde gebracht wurde, die Gottfried Locher stark belastet: Eine ehemalige EKS-Mitarbeiterin hatte eine Beschwerde wegen «Grenzverletzungen» Lochers eingereicht. Bis heute ist unklar, worum es wirklich geht. Es gilt die Unschuldsvermutung. Pikantes Detail: Sabine Brändlin – selber in der Gefahr, aufgrund ihrer früheren Liaison mit Locher befangen zu sein – hatte als zuständiges Ratsmitglied mit der ehemaligen Mitarbeiterin und einem Krisenstab die Angelegenheit besprochen, ohne den Gesamtrat zu informieren. Als das offizielle Beschwerdeschreiben am 27. März eintraf, beantragte die mitinvolvierte Vizepräsidentin Esther Gaillard eine Ratssondersitzung, an der die anderen Mitglieder am Ostermontag, 13. April, offensichtlich überrumpelt wurden.

Ab diesem Zeitpunkt begann auch für das Thurgauer Ratsmitglied Ruth Pfister eine zermürbende Zeit, in der schliesslich der Konflikt ab dem 27. Mai 2020 in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurde: An diesem Tag reichte Gottfried Locher seinen sofortigen Rücktritt ein, obwohl der Sachverhalt nicht erhärtet war. Der Rat habe aber gemäss EKS-Medienmitteilung am 17. April beschlossen, die Angelegenheit von externen Fachleuten klären zu lassen. Die Synode, das schweizerische evangelische Kirchenparlament mit Vertretungen aus allen Kantonalkirchen, hat am 15. Juni der Einsetzung einer solchen nichtständigen Untersuchungskommission zugestimmt. Es stellte sich allerdings heraus, dass aufgrund der neuen EKS-Organisation noch nicht alle Zuständigkeiten rechtlich vollends geklärt sind (siehe aktuelle Entwicklungen weiter unten).

Immerhin hat an der Synode vom 15. Juni das EKS-Ratsmitglied Pfarrer Ulrich Knoepfel dem Rätselraten um Brändlins Rücktritt ein Ende gesetzt: Er machte die Affäre publik, obwohl der Rat die Affäre eigentlich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes intern bereinigen wollte. Das Vorgehen mit der Medienmitteilung von Sabine Brändlin brachte den Rat aber in die Bredouille, und Knoepfel, selber Jurist, konnte offenbar nicht mehr anders. Im Interview mit dem Schweizer Radio und Fernsehen kam zum Ausdruck, dass er damit dazu beitragen wollte, die Vorwürfe der früheren Mitarbeiterin zu klären.

+++ Aktuelle Entwicklung +++

17. Juli 2020: Mehrere Wochen lang war unklar, wie es mit der Aufarbeitung der Rücktritte von Gottfried Locher und Sabine Brändlin aus dem EKS-Rat weitergehen soll. Nun sind sich die Verantwortlichen offenbar einig geworden. Wie aus einem Brief der EKS an die Synodalen sowie die Mitgliedkirchen hervorgeht, bestätigt der Rat den Auftrag an die Anwaltskanzlei Rudin-Cantieni und weist sie an, «die Arbeit umgehend fortzusetzen». Gleichzeitig wird in dem Schreiben vom 15. Juli festgehalten, dass die Kanzlei ihren Bericht sowie allfällige Empfehlungen der noch zu wählenden Kommission übergeben soll.

Inhaltlich habe sich am ursprünglichen Auftrag an Rudin-Cantieni nichts geändert, hält Esther Gaillard fest. So müsse unter anderem die Beschwerde der ehemaligen Angestellten, die dem zurückgetretenen Präsidenten Gottfried Locher Grenzverletzungen vorwirft, geprüft werden. Auch ob der Rat korrekt auf die Beschwerde reagiert hat und ob es allenfalls zu weiteren Grenzverletzungen gekommen ist, soll untersucht werden.

Bis Anfang August können die Kantonalkirchen nun ihre Wahlvorschläge für die Untersuchungskommission einreichen. Die Synode vom 13. und 14. September wählt schliesslich die definitiven Mitglieder. Wenn es nach dem Rat geht, soll Rudin-Cantieni schon dann einen ersten mündlichen Zwischenbericht liefern.

Rudin-Cantieni Rechtsanwälte ist eine Kanzlei mit Sitz in Zürich. Sie ist unter anderem auf Öffentliches Personalrecht, Kindes- und Erwachsenenschutzrecht sowie Strafrecht spezialisiert. Ausserdem verfügt sie über Erfahrung in der Unterstützung von parlamentarischen Untersuchungskommissionen (PUK). Zuständig für den Auftrag der EKS ist Rechtsanwältin Christine Baumgartner. (vbu/ref.ch)

13. September 2020: Die EKS hat begonnen, die Krise aufzuarbeiten: An der Versammlung vom 13. und 14. September bestimmte die Synode die Mitglieder der Kommission, die mit der Untersuchung der Ereignisse betraut wird. Es sind dies die Waadtländer Synodalratspräsidentin Marie-Claude Ischer, die mit 76 Stimmen das beste Ergebnis erzielte und das Präsidium übernehmen wird. Weiter wurden Rolf Berweger (Zug) und Barbara Hirsbrunner (Graubünden) mit je 68 Stimmen gewählt sowie Roland Stach (Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn) mit 66 Stimmen, Lars Syring (Appenzell) mit 65 Stimmen und Corinne Duc (Zürich) mit 52 Stimmen.

Im Weiteren bestimmte die Synode den Zeitplan, den finanziellen Rahmen sowie den konkreten Auftrag der Kommission. Dabei verschärfte sie die Vorlage aus dem Synodebüro in einem Punkt: Neben der eigentlichen Beschwerde sowie dem Umgang des Rates damit sollen auch die Divergenzen zwischen dem GPK-Bericht und der Antwort des Rates Gegenstand der Untersuchung sein. Die beiden Texte waren insbesondere in Bezug auf die Stimmung im Rat und die Zusammenarbeit zwischen Rat und Geschäftsstelle stark auseinander gegangen.

Das Budget für die Arbeiten der Kommission beträgt 40’000 Franken. Vorgesehen sind 10 Sitzungen zwischen September 2020 und Juni 2021. Die Kanzlei Rudin Cantieni, die vom Rat beauftragt worden ist, soll ihre Untersuchung voraussichtlich bis Ende Jahr fortführen und ihren Bericht anschliessend der Kommission übergeben. Diese wertet ihn aus und formuliert basierend darauf konkrete Anträge an die Synode.

4. August 2021: Über ein Jahr lang hat die Causa Locher die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) bereits beschäftigt, und abgeschlossen ist die Angelegenheit noch nicht. Nun ist aber erstmals etwas Klarheit geschaffen worden. Gottfried Locher habe in seiner Funktion als Vorgesetzter eine frühere EKS-Mitarbeiterin in ihrer sexuellen, psychischen sowie spirituellen Integrität verletzt. Dies hat Marie-Claude Ischer, Präsidentin der nicht-ständigen Untersuchungskommission, an einer Medienkonferenz in Bern gesagt. Die Kommission war vergangenen Herbst von der EKS-Synode beauftragt worden, die Ereignisse um den Rücktritt Lochers aufzuarbeiten.

Laut dem Bericht der Kommission erzählte die ehemalige Mitarbeiterin verschiedenen Personen von ihren Erlebnissen. Im März 2020 entschied sie sich schliesslich, eine offizielle Beschwerde gegen Locher bei der EKS einzureichen. Die von ihr geschilderten Vorwürfe seien glaubwürdig, hält die Kommission nun fest. Sie schreibt von «Missbrauch» und davon, dass die Betroffene unzureichend geschützt worden sei. Der Bericht stützt sich auf ein umfangreiches Dokument einer Zürcher Anwaltskanzlei, die von der EKS hinzugezogen worden war. Die Kommission empfiehlt der EKS, mit der Beschwerdeführerin Kontakt aufzunehmen mit dem Ziel, eine faire finanzielle und persönliche Wiedergutmachung zu erreichen. Im Raum steht eine Schadensersatzforderung von rund 145'000 Franken, welche die Frau bereits erhoben hat. Die EKS entschuldige sich bei der ehemaligen Mitarbeiterin für das erfahrene Leid und den langen Weg, den es gebraucht habe, um sich Gehör zu verschaffen, sagte EKS-Präsidentin Rita Famos. «Die persönlichen Schicksale hinter den Ereignissen sind sehr bedauernswert», hielt sie fest.

Gottfried Locher schweigt sich zu den Anschuldigungen aus. Strafrechtlich gilt für ihn weiterhin die Unschuldsvermutung. Laut Marie-Claude Ischer habe die Anwaltskanzlei mehrmals und auf verschiedenen Wegen versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Er habe jegliche Aussage verweigert und sich während der Untersuchung nicht kooperativ gezeigt. Er habe keinen Beitrag zum Krisenmanagement geleistet, um die Angelegenheit zu bereinigen oder zu klären. «Das ist inakzeptabel und sehr unprofessionell und einer kirchlichen Institution unwürdig», betonte Ischer. Die Untersuchungskommission selbst versuchte demnach aber nicht, selbst Kontakt mit dem ehemaligen Präsidenten aufzunehmen. Man könne niemanden an den Verhandlungstisch zwingen, so Ischer.

Die Frage, ob die EKS Locher vor seinem Rücktritt hätte suspendieren müssen, sei sehr schwierig zu beantworten, hiess es an der Medienkonferenz. Eine Suspendierung war im Rat zwar diskutiert, schliesslich aber verworfen worden. Locher selbst hatte sich bis zuletzt dagegen gewehrt. Weiter habe Locher versucht, den EKS-Rat einzuschüchtern und mit Unterstützung einer Anwältin unter Druck zu setzen, sagte Ischer. Ins Detail gehen wollte sie indes nicht.

Anpassungen wünschenswert
Die EKS habe in der Causa Locher an Glaubwürdigkeit verloren. Grundsätzlich habe sich die Institution aber im Rahmen der damals geltenden Reglemente korrekt verhalten, betonte Ischer. Die Regeln seien nicht optimal gewesen, aber es seien eben jene gewesen, die gegolten hätten. Die Untersuchungskommission hat in ihrem Bericht nun 17 Empfehlungen formuliert. Es handelt sich dabei unter anderem um institutionelle, rechtliche und finanzielle Veränderungsvorschläge.

 

Weitere Hintergründe zur EKS-Krise und Einschätzungen vom Thurgauer Ratsmitglied Ruth Pfister sowie Wilfried Bührer, Präsident des Kirchenrats der Evangelischen Landeskirche Thurgau, finden Sie weiter unten zum Nachlesen. Zudem haben Sie über die Kommentar-Funktion die Möglichkeit, selber mitzudiskutieren.

 

(Text: Roman Salzmann / ref.ch, Bild: Cyrill Rüegger)



Kommentar erstellen