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Geld & Geist

Ein 175-jähriger Klassiker der Schweizer Literatur erhält neue Brisanz: Aktuelle Fälle von Masslosigkeit in der Wirtschaft erinnern an Gotthelfs «Geld und Geist». Wie im Roman erliegen heute aber nicht nur privilegierte Personen der Verlockung des Geldes. Wo bleibt der «Geist»?

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Pierin Vincenz ist hart gefallen. Als CEO der Raiffeisenbank war er während 15 Jahren einer der einflussreichsten Banker der Schweiz. Der smart wirkende Bündner verdiente gut, aber offenbar nicht gut genug: Im Februar 2018 kam er in Untersuchungshaft. Vincenz soll sich bei Geschäften persönlich bereichert haben. Es gilt die Unschuldsvermutung, und doch: Der tiefe Fall wirft die Frage auf, wie es so weit kommen konnte.

Konsum wird zur «Ersatzreligion»
Schon vor 175 Jahren machte der bekannte Schweizer Dichter Jeremias Gotthelf die Geldgier in seinem Roman «Geld und Geist» zum Thema. Darin geht es um eine fünfköpfige Bauernfamilie, deren harmonische Gemeinschaft durch die Geldgier des Vaters jäh zerstört wird. Gotthelfs Geschichte zeigt: Die Fokussierung auf das Monetäre und Materielle beschränkt sich nicht auf Topmanager und Gutbetuchte, sondern betrifft die ganze Gesellschaft. Konsum ist quasi zur «Ersatzreligion» geworden, schreibt Soziologin und Historikerin Kathrin Pavic in einem Artikel auf der Plattform «religion. ch». Während der Glaube an die religiöse Erlösung in der westlichen Gesellschaft tendenziell abgenommen habe, sei an seine Stelle die individuelle Selbstverwirklichung getreten – zum Beispiel durch den Erwerb von Konsumgütern.

Lokale Geschäfte verschwinden
Zum Ausdruck kommt dieses Phänomen wohl nicht zuletzt im regen Einkaufstourismus über die Landesgrenzen hinaus. Gerade in grenznahen Kantonen wird er mitverantwortlich dafür gemacht, dass vielerorts kleinere Geschäfte mit teils langer Tradition verschwinden. Das Internet verstärkt den Effekt zusätzlich. Vieles kann heute mühelos per Klick bestellt und von überall her nach Hause geliefert werden. Die Schweizerinnen und Schweizer sind diesbezüglich besonders fleissig, wie der aktuelle «Retail Outlook» der Grossbank Credit Suisse aufzeigt: Der Anteil der Schweiz am Umsatz des deutschen Online-Modeversandhändlers Zalando im deutschsprachigen Raum entsprach 2016 etwa einem Viertel. Die Schweiz macht aber nur acht Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung aus. Insgesamt schätzt die Credit Suisse, dass 2016 ungefähr jeder zehnte Detailhandels-Franken im Ausland ausgegeben worden ist – umgerechnet rund 11 Milliarden Franken.

Nicht zwingend ein Widerspruch
Diese Zahlen unterstreichen, dass in der heutigen Gesellschaft für viele Menschen vor allem der Preis zählt. Der Geist im Sinne von Solidarität, Nächstenliebe, Verantwortung und Nachhaltigkeit rückt in den Hintergrund. Dabei müssen Geld und Geist nicht zwingend im Widerspruch stehen. «Wo der Geist eine Heimstatt hat, kann Geld sehr wohl zum Segen werden», bilanzierte Jeremias Gotthelf in seinem Roman. Für ihn war klar, dass nur ein radikales Bekenntnis zu Christus die Menschheit von der Geissel des modernen Materialismus befreien kann. (24. Mai 2018, Text: cyr, Bild: fotolia.com/ur)


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