Logo
Kultur

Wunderinszenierungen am Vorabend der Reformation

Wie in vielen Gegenden der Eidgenossenschaft blühte im Spätmittelalter auch in der Ostschweiz der Handel mit Reliquien. Der Heiligenkult stand allgemein gross in Mode.

Es war die Zeit, in der Geld eine wichtige Rolle spielte und u. a. dazu diente, den Heiligenkult zu befeuern. Für seine Betreiber war er eine Art von Glücksspiel und eine Kapitalanlage in einem: Das erwirtschaftete Geld wurde in den Bau von Kirchen und in kostbare Ausstattung investiert, was wiederum neue Gläubige anzog. 

Dem gegenüber stand der in vielerlei Hinsicht notleidende Mensch, der hoffnungsvoll auf die Heiligen setzte. Um 1500 war der Mensch für wirkliche oder vermeintliche göttliche Zeichen zugänglich und sensibilisiert. Nahe liegt, dass diese Empfänglichkeit geschäftstüchtig ausgenutzt wurde. Mancherorts kam es in der Absicht der Geldgenerierung zur Inszenierung von Wundern. Wunderorte erlangten Ablässe (zur Verringerung der Aufenthaltsdauer im Fegefeuer), die jene kauften, welche an einen solchen Ort eine Wallfahrt unternahmen. 

St. Gallen: Maria im Gatter

Beim Altarhaus des St.Galler Münsters ging man so vor: Um den ins Stocken geratenen Neubau voranzubringen und endlich abzuschliessen (1483), installierte man den Kult rund um die Maria im Gatter. Dies war eine Figur, die man in einer seitlichen Kapelle des Lettners hinter einem eisernen Gitter (Gatter) aufstellte. Zahlreiche Wundermeldungen im Zusammenhang mit dieser Figur heizten die Wallfahrt zur wundertätigen Muttergottes an. Daran hatte das weltliche St.Gallen ein grosses Interesse.

Ein Chorbau, wie er damals entstand und der markant aus dem Dächermeer herausragte, bedeutete für den Handelsplatz St.Gallen auch Prestige. In die Verwaltung des Wallfahrtsgeschehens waren deshalb auch zahlreiche Städter involviert, die selbst bei der Bestätigung von Wundern Zeugnis ablegten. Die Abtei unter dem damaligen Abt Ulrich Rösch war in Bezug auf das Treiben im Münster eher skeptisch, konnte aber auch keine ernsten Einwände gegen den
erwünschten Fertigbau des Chors haben.

Mörschwil: Dorf des geheilten Maurus

Auf der Landschaft kam es zu vergleichbaren Vorgängen. In Mörschwil, wo man sich schon länger kirchlich von Arbon lossagen wollte, stiess man 1494 bei der Anlegung eines Grabens auf Skelette. Anschliessend baute man beim Fundort einen Bildstock, dann eine Holzkapelle, schliesslich ein steinernes Gotteshaus. 

Den steinernen Bau, 1510 fertiggestellt, finanzierte man dadurch, dass man die Krücken eines Geheilten ausstellte. Obgleich man zu diesen Vorgängen kaum etwas weiss, lässt sich ableiten, dass diese Gehhilfen als diejenigen eines Manns namens Maurus ausgegeben wurden. Maurus, der so verkrüppelt war, dass er nicht auf seinen eigenen Beinen gehen konnte, hatte nach dem Tod des hl. Gallus dessen Schuhe und Strümpfe erhalten. Als er sie anzog, war er geheilt; dies war das erste Wunder nach Gallus’ Tod. Im Namen des Geheilten sah man das Benennungsmotiv für den Namen Mörschwil (Moriniswilare), und schon war für den Kirchenbau an diesem Ort eine einträgliche Einnahmequelle geschaffen. 

Sennwald: Das Hostienwunder

In Sennwald wurde im Schwabenkrieg 1499 die Kirche niedergebrannt. In den rauchigen Trümmern fand man blütenweiss und unversehrt auf dem Altar die Hostie aus der ebenfalls zerstörten Monstranz. Der Fall versetzte die ganze Eidgenossenschaft, in der ein starkes Wunderfieber herrschte, in Erregung. Freiherr Ulrich VIII. von Hohensax, Söldnerführer und Eigentümer des Gotteshauses, kam dieses Hostienwunder entgegen; denn er wollte die Kirche schnell wieder aufbauen und in diesem Neubau die Grablege seines Geschlechts einrichten. Dazu stiftete er auch Messen; am Grab, das auch sein eigenes werden sollte, sollte das Beten für seine Seele nie wieder versiegen.

Nebst diesen im Spätmittelalter neu gegründeten Wallfahrtsorten stand eine Reihe weiterer Örtlichkeiten in der Verehrung des Volkes. Dazu gehört ein Marienheiligtum auf dem Benkner Büchel, wohin sich die Bevölkerung von Schänis während der Pest 1519 in Sicherheit gebracht hatte. Die Wallfahrt nach Dreibrunnen war bei Frauen beliebt, deren Kinderwunsch nicht erfüllt worden war. Und auf dem Valentinsberg zu Rüthi (Rheintal) betete man für die Heilung der Fallsucht (Epilepsie). Nicht weiter erstaunlich ist es, dass als Wallfahrtsstätten gerade diese drei Orte den Sturm der Reformation überstanden haben und teils bis heute bestehen.

 

Text: Johannes Huber, Prof. Dr., | Bild: Stiftsbibliothek St. Gallen   – Kirchenbote SG, März 2017