Logo
Gesellschaft

Der Toggenburger Pfarrer Walter Hehli strebte die Erneuerung des Abendmahls an

Pionier des Abendmahls mit Kindern

21.03.2017
Die St.Galler Kantonalkirche war die erste, die vor gut 30 Jahren das Abendmahl gemeinsam mit Kindern feierte. Heute ist die Einführung dazu im Lehrplan verankert.

Gemeinschaftlich, lebendig und geheimnisvoll sind vorerst drei Attribute, die einem zum Begriff Abendmahl einfallen, wenn mit Walter Hehli aus Lichtensteig gesprochen wird. 

Er sitzt in seiner Stube und blättert in diesem wegweisenden Buch: «Abendmahl – auch für Kinder?», an dem er vor 38 Jahren mitbeteiligt war. In seiner Zeit als Pfarrer in Brunnadern und Wattwil hat Hehli viel dazu beigetragen, das Abendmahl weg von der Kopflastigkeit und Schwere, hin zur Feier zu deuten. Dazu gehörten unter anderem nebst den vertrauten Einsetzungsworten auch Liturgie-Elemente auf Schweizerdeutsch und Musik aus dem Toggenburg, die Peter Roth auf seinen Wunsch hin komponiert hat. Das brachte neue Farben und Klänge in die Feier. Kinder wurden nicht mehr ausgeschlossen und es gab keine Entlassung mehr. Niemand sollte sich unwürdig fühlen. 

Von der Schwere ins Licht

 «Ich hatte einen guten Zugang zum Abendmahl», erinnert sich Hehli an seine Konfirmandenzeit. Damals wurde in jedem Abendmahlsgottesdienst das Lied: «Lasset uns zum Heiland gehen voller Demut, voller Freud» gesungen. Er konnte diese Aussage mit seinen Gefühlen nachvollziehen. 

«Die St.Galler Kantonalkirche war die erste, die vor gut 30 Jahren das Abendmahl gemeinsam mit Kindern feierte.»

In der Praxis als Pfarrer spürte Hehli, dass ihn die oft freudlose «Leichenmahl-Atmosphäre» beschäftigte. Ihm wurde bewusst, dass er statt Belehrung Feier, statt Ausschluss Gemeinschaft und statt Tod Licht und Leben vermitteln wollte. Hoffnungsvoll und gemeinschaftlich wird die Deutung des Abendmahls, wenn es aus der Sicht der Emmaus-Jünger erzählt wird, die Jesus als den Auferstandenen wahrnahmen, als er ihnen das Brot brach. Es bleibt das Geheimnis des Glaubens, wie es der Messkanon sagt: «Deinen Tod verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit».

Einbinden statt laufen lassen

Die Reformation sah vor, die Jugendlichen auf die Konfirmation hin in das Abendmahl einzuführen. Tatsache ist aber, dass nach der Konfirmation viele junge Menschen dem Gottesdienst samt dem Abendmahl fern bleiben. «Ich strebte eine Erneuerung des Abendmahls durch Begleitung und Hinführung der Jüngsten an», so Hehli. Er versprach sich dies durch die Kinder. 

Sorgfältig wollte er sie ins Abendmahl einführen. 1978 wurde in Brunnadern ein dokumentiertes Experiment gestartet. An Pfingsten feierten Gross und Klein in einem Familiengottesdienst gemeinsam Abendmahl. Hehli bereitete alle Klassen im Rahmen des Religionsunterrichtes darauf vor. Mit Staunen und grosser Freude sah er, wie interessiert die Kinder mitmachten und wie sie oft selbstverständlicher und intuitiver verstanden als Erwachsene. Ein Bergbauernmädchen sei genannt, das beim Anblick eines Laibes Brot formulierte: «Im Brot ist Mensch und Gott zusammen. Alles aber kommt von Gott!» Im Abendmahl geht es um die Gemeinschaft von Gott und Mensch in Jesus Christus und untereinander. 

Die St.Galler Kantonalkirche war die erste, die vor gut 30 Jahren das Abendmahl gemeinsam mit Kindern feierte. Heute ist die Einführung dazu im Lehrplan verankert.

 

Text: Katharina Burri, Krinau | Foto: Antoinette Lüchinger / Porträt: Katja Niederöst  – Kirchenbote SG, April 2017

 

«Die Gofe verstönd das nöd»

Woher kommt der Anstoss, auch Kindern die Teilnahme am Abendmahl zu erlauben?

Im Studium feierten wir in einer Retraite das Abendmahl. Die Kinder von Pfarrer Leuenberger (Vater von Moritz Leuenberger, Professor in Zürich) waren mit dabei. Es ging mir auf, dass nirgends geschrieben steht, dass Kinder vom Abendmahl ausgeschlossen sein müssen. 

Können Kinder die Ernsthaftigkeit des Abendmahls überhaupt verstehen? 

Mir fehlte in den Abendmahlsfeiern nebst Karfreitag die Osterfreude. Das reformierte Abendmahl stand meiner Meinung nach zu wenig im Licht von Ostern. Diese Schwere und dieser Ernst kann bedrückend wirken. Denn Ostern schenkt Licht und Leben. Früher war die Feier des Abendmahls oft zu kopflastig, zu belehrend. Es war mir ein grosses Anliegen, andere Formen zu finden, die Belehrung in eine Feier umzuwandeln. Ich wollte eine Erneuerung der Abendmahlspraxis und war mir sicher, dass Kinder, wenn sie ganz sorgfältig eingeführt werden, gemeinsam mit den Erwachsenen in einem Familiengottesdienst mitfeiern können. Die beste Zeit, um junge Menschen zum Abendmahl hinzuführen, erwies sich in der 5. und 6. Klasse. Dann sind die Kinder offener, interessierter und lernbereiter als in der Pubertät. 

Was heisst «sorgfältig einführen»? 

Das Abendmahl gehört meiner Meinung nach eingebettet ins Leben. Ich arbeitete gemeinsam mit den Lehrkräften in den Primarschulklassen. Es war mir wichtig, vom Erleben auszugehen. So wurde zum Beispiel das Passahmahl mit seinen Speisen und Lesungen gemeinsam durchgeführt. Auch Geschichten erzählten wir, wie jene der Emmaus- Jünger oder die Speisung der 5000. Es wurde Brot gebacken und über das Teilen und das Essen nachgedacht. Die Abendmahlsliturgie wurde in einen Erzählgottesdienst eingebunden, wo auch die Kinder ihre Aufgaben hatten. Es war immer sehr schön und erfreulich, wie die Kinder mitmachten.

Gab es Widerstand gegen deine Erneuerung?

Als ich 1978 mit dieser Erneuerung und Hinführung begann, besuchte ich alle Familien im Hinblick auf den Familiengottesdienst mit Abendmahl. Es gab Erwachsene, die meinten: «Die Gofe verstönd das nöd.» Aber als ich ihnen dann die Tonbandaufnahmen vorspielte mit den Aussagen der Kinder, waren sie beeindruckt.