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Kultur

Liebespaar im Extremzustand

Niggi Bräuning und seine gelähmte Frau Annette reisen mit dem Camper durch ganz Europa. Ihre Tochter Fanny Bräuning begleitete sie mit der Kamera. Ihr Film «Immer und ewig» hat an den Solothurner Filmtagen den «Prix de Soleure» gewonnen und läuft im Kino.

Nein, das sei nicht ihr Lebenstraum, sagt Niggi Bräuning. «Das ist unser Leben.» Das, wovon viele träumen, haben sich die 70-Jährigen erfüllt. Seit 50 Jahren reisen die beiden Basler Niggi und Annette Bräuning mit ihrem Camper kreuz und quer durch Europa und Nordafrika.

Über ihre Eltern hat Tochter Fanny Bräuning einen berührenden Dokumentarfilm gedreht. «Immer und ewig» hat an den Solothurner Filmtagen den «Prix de Soleure» gewonnen und läuft seit Ende Januar im Kino. Annette Bräuning ist seit 40 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, seit 20 Jahren schwer. Für Niggi Bräuning war dies kein Grund, seine Frau in ein Pflegeheim zu geben. Er wollte nicht, dass sie dort liegt und «nur die Decke anstarren kann». Der selbstständige Fotograf und ehemalige Rheinschiffer hängte mit 52 Jahren seinen «Traumberuf» an den Nagel und übernahm mithilfe von Betreuerinnen die Pflege. Er tüftelte an allerlei Erfindungen, um das Leben zu erleichtern, und damit seine Frau, die im Rollstuhl sitzt, mitreisen kann.

Ein Liebespaar voller Energie
Mit einem Kamerateam begleitete die Regisseurin ihre Eltern auf der Reise durch Griechenland, Albanien und Sizilien. Sie zeigt ein Paar, das voller Energie, Kreativität und Humor gegen das Schicksal ankämpft. Die beiden wollen dem Leben die schönen und spannenden Momente abtrotzen. «Mich berührt diese Rebellion meines Vaters gegen die Krankheit. Wie er dafür seine ganze Kraft und all seine Fähigkeiten einsetzt», sagt Fanny Bräuning. «Und mich berührt der Wille meiner Mutter, weiter zu leben, trotz stärkster Einschränkung.» Fanny Bräunings Film macht Mut und ist eine Hommage ans Leben.

Wenn Niggi Bräuning von den Reisen und von der Beziehung zu seiner Frau spricht, dann klingt dies weniger heroisch. Bei ihm kreist das Gespräch um Alltäglichkeiten, etwa das Spezial-WC, das «multifunktionale anti-dekubitus»-Pflegebett, das Essenkönnen, die Gastfreundschaft in Nordafrika und die Suche nach Parkplätzen. «In den Städten übernachteten wir auf den Behindertenparkplätzen in bester Lage vor Museen, neben Konzertsälen, Kirchen und nachts auf leeren Marktplätzen», erzählt er.

«Losfahren und Carpe diem!»
1999 erlitt Annette Bräuning einen toxischen Schock und fiel ins Koma. Ihr Zustand hatte sich dramatisch verschlechtert. Sie konnte sich nicht mehr bewegen – die einzige Möglichkeit, sich zu verständigen, war durch Blinzeln mit den Augenlidern. Langsam lernte sie in der Reha wieder sprechen. «Jedes Wort kostet sie auch heute grosse Anstrengungen», erzählt die Tochter. Oftmals kommunizierten die beiden mit Blicken und Lächeln. Für Niggi Bräuning war die Zeit, als seine Frau im Koma lag, besonders schlimm. Er glaubte daran, dass sie überlebt. Ihre Eltern befänden sich nun seit bald 20 Jahren in einem Extremzustand, in dem sie ständig aufs Intensivste an ihre Vergänglichkeit gemahnt werden, sagt Fanny Bräuning. «Ich denke, dass sie das Leben umso mehr auskosten, seit ihnen bewusst wurde, welch ein Geschenk es ist.» Ihr Vater nennt dies lakonisch: «Losfahren und Carpe diem!»

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 24. Januar 2019