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Kirche

Als ein Landpfarrer die Welt auf den Kopf stellte

1919 erschien Karl Barths Kommentar zum «Römerbrief» und stellte die theologische Welt auf den Kopf. Er erkennt, dass den Zirkel der religiösen Projektionen nur Gott selbst durchbrechen kann und bringt ihn dadurch den Menschen näher.

«Nein», sagt der Theologe Georg Pfleiderer, «das war kein einfacher Landpfarrer, der Mann war hochgebildet und gehörte zur akademisch-theologischen Bildungselite.» Die Rede ist von Karl Barth, dem Pfarrer im aargauischen Safenwil, der 1919 seinen Kommentar zum Römerbrief publizierte. «Er wollte der Theologie neue Impulse verleihen, jahrelang hatte er über seinen dialektischen Ansatz nachgedacht», erklärt Pfleiderer, Systematiker an der Theologischen Fakultät Basel.

Unterstützt von Rudolf Pestalozzi
Der junge Karl Barth hat in Safenwil seine erste Pfarrstelle angetreten, als er das Buch mit dem lakonischen Titel «Der Römerbrief» schreibt. Zunächst ist es für den Pfarrer schwierig, einen Verleger zu finden. Erst als sein Freund, der Unternehmer Rudolf Pestalozzi, die finanzielle Unterstützung zusagt, wird es veröffentlicht. Just an Weihnachten 1918, datiert auf 1919, in einer Auflage von tausend Exemplaren. 1922 publiziert Karl Barth eine zweite, radikal überarbeitete Fassung seines Werkes, die heute in der 16. Auflage vorliegt.

Befreiender Sturm
In Deutschland schlägt Barths Buch 1919 ein wie ein Blitz. In kürzester Zeit stellt es die Theologie auf den Kopf. Barths dialektischer Ansatz fegt wie ein befreiender Sturm durch die theologischen Fakultäten: «Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.»

Zwei Jahre später erhält Barth die Theologie-Professur in Göttingen, 1930 in Bonn. Die Herrschaft der Nationalsozialisten zwingt ihn, nach Basel zurückzukehren.

«Wegweisendes Wort» nach dem Weltkrieg
«Der Römerbrief erregte so viel Aufsehen, weil Barth in der gewaltigen Kulturkrise nach dem Ersten Weltkrieg ein wegweisendes Wort fand», meint Georg Pfleiderer. «Er traf den Nagel auf den Kopf, indem er aus der biblischen Botschaft heraus in die Zeit sprach. Barth hört Paulus von einem Gott reden, der die menschlichen Gottesbilder und vermeintlichen religiösen Erfahrungen in seiner Offenbarung radikal durchkreuzt.» Damit spricht er eine Gesellschaft im Umbruch an, die erlebt hat, wie Hunderttausende Soldaten mit dem Segen der Kirche ins Massengrab zogen.

Gegen die innerliche Frömmigkeit
In dramatischen Worten beschreibt Barth den Angriff des «ganz anderen» Gottes auf die Welt. Es war eine Absage an die «pietistische Innerlichkeit und Herzensfrömmigkeit, die in der Welt die Fünfe gerade sein lässt» und sich vor jeglicher Kritik an sozialer Ungerechtigkeit zurückhält. «Barths Gottesbewegung will den Menschen die Augen öffnen für das Handeln Gottes in der Welt und sie so zur tätigen Nächstenliebe befreien», sagt Georg Pfleiderer.

Wissenschaftliche gegen praktische Theologie
Im Jubiläumsjahr von Barths «Römerbrief» finden zahlreiche Veranstaltungen statt. Die Theologische Fakultät Basel veranstaltet eine Ringvorlesung zum Römerbriefkommentar. «Dabei verfolgen wir Barths Ansatz, die verschiedenen theologischen Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen», erklärt Georg Pfleiderer. «Wir wollen die Kluft zwischen wissenschaftlicher und praktischer Theologie aufheben und laden auch Religionsgeschichtler und Philosophen ein.»

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 20. Februar 2019

Ringvorlesung «Barths Römerbriefkommentare heute gelesen»: donnerstags, 18.15–19.45, Kollegienhaus der Universität Basel, Petersplatz 1, Hörsaal 114


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