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Kirche

Megatrends und Reaktionen der Kirche

Vier Monate lang befasste sich Pfarrer Réne Hausheer während seines Studienurlaubs mit der «Zukunft der Kirche». Trotz vielen Schwierigkeiten sieht er Chancen. Wenn alle ihre Hausaufgaben machen.

Mitgliederschwund, Finanzprobleme, bevorstehender Pfarrermangel, schwacher Gottesdienstbesuch. Kirche, wie weiter? ist eine Frage, die sich Réne Hausheer schon länger stellte. So fasste der Pfarrer von Malters den Entschluss, sich während seines Studienurlaubs ganz diesem Thema zu widmen. Dafür setzte er sich vier Monate lang in die Universitäts-Bibliothek in Luzern, verglich die Inhalte von 14 Studien, Büchern und Zeitschriften, die in den letzten Jahren zu diesem Thema erschienen sind und lieferte kürzlich einen Bericht ab mit dem Titel «Megatrends und Reaktionen der Kirche».

Zukunft im Wesen der Kirche

Am Beginn seiner Recherche stand die Frage, was Kirche heute eigentlich ist. Das Studium diverser Bibelstellen lieferte Hausheer die Bestätigung, dass Kirche vom Wesen her nicht eine Körperschaft, eine Organisation oder Institution ist, sondern eine Gemeinschaft, bestehend aus Gott, Jesus Christus und den mit ihnen im Glauben Verbundenen. «Die Kirche ist somit eine Dienstgemeinschaft.» Ziel sei die Umsetzung dessen, was Jesus im Sinne seines Doppelgebotes der Liebe (Gottesliebe, Nächstenliebe) vorgelebt hat und in dessen Vollzug sich Gottes Reich ereignet. Das junge Christentum war zu Beginn eine dynamische Bewegung, die von der Gemeinschaft unter den Mitgliedern lebte. «Wenn wir Antworten auf die Herausforderungen der heutigen Zeit finden wollen, sollten wir diesem Aspekt höchste Priorität einräumen», sagt Réne Hausherr. «Kirche lebt durch die, welche sie beleben. » Ihre Strukturen sollten, wo immer möglich, die Gemeinschaft mit Gott, Jesus Christus und mit anderen Menschen erleichtern und fördern.

Mobilisierung ist nötig

Was uns zur nächsten Frage bringt. Wie bindet die Kirche Mitglieder am besten? Nicht, indem sie krampfhaft versuche, möglichst allen jegliche Wünsche und Erwartungen zu erfüllen, denn das funktioniere nicht. «Es ist vielmehr dringend nötig, eine Nachfrage nach Kirche und Religion zu wecken», so Réne Hausheer. Die Reformierte Kirche Zürich etwa habe in einem Versuch, um ihre Kommunikation zu schärfen, Textvorschläge für Predigten für einzelne Milieus zugeschnitten. Zudem sollten diejenigen, die sich engagierten und etwas bewegen wollten, gemeinsam versuchen, das zu leben, was sie unter Kirche verstehen. «Auf die Art wird ihr Leben einladend für andere wirken», ist Réne Hausheer überzeugt.

Neue Art der Kommunikation

«Je weniger Kirche verstanden wird, desto mehr wird sie gelesen», ist eine weitere Erkenntnis von Hausheer. Doch die Quellen seien heute andere. Die Menschen tauschten sich in digitalen Netzwerken aus und kämen dadurch mit den verschiedensten Lebensentwürfen, Kulturen und Religionen in Berührung. Gerade Megatrends wie Individualisierung, Pluralisierung und Technisierung beeinflussten die Bedingungen für Glauben und deren Kommunikation in grossem Mass. Die neuen Kommunikationsmittel sollten daher dringend genutzt werden, um Menschen wieder anzusprechen.

Gemeinschaft erleben

«Geht das Wissen über das Christentum, den Sinn und Wesen von Kirche stark zurück, wird es umso wichtiger, wie die Kirche sich darstellt», meint Réne Hausherr. «Vor allem, wie sich ihre Vertreter und die in ihr Engagierten verhalten.» Ihr Leben würde noch mehr als zuvor zum Spiegel und Deutungshorizont des christlichen Glaubens. «Bereits in den Anfängen des Christentums war für die Kommunikation des Evangeliums ein Punkt ausschlaggebend, der es auch heute noch immer ist», sagt Hausheer .«Die direkten Begegnungen von Mensch zu Mensch und das Erleben von Gemeinschaft.» Früher erzählten sich Gläubige, was sie im Glauben erlebten, sie öffneten sich, luden einander ein und teilten das Leben. Wer mochte, durfte das geistliche Leben mit ihnen teilen: beten, singen, über die Bibel nachdenken, Abendmahl feiern. Bei all diesen Begegnungen wurde das Evangelium indirekt und direkt weitergegeben. Ein Punkt, bei dem Réne Hausheer Verbesserungspotenzial sieht. Die Lutherische Kirche Deutschlands etwa habe in ihrem Erneuerungsprozess Programme integriert mit dem Ziel, Gemeindemitglieder für ihren Glauben sprachfähiger zu machen. «Gerade wir Pfarrer sind aufgrund unserer Ausbildung in erster Linie auf die Auslegung der Bibel trainiert. Wie man Menschen mobilisiert, begeistert und mitreisst, dafür gibt es im Lehrplan kein Fach», räumt Réne Hausherr ein Es wäre sinnvoll, schon im Studium und Vikariat ein Schwergewicht darauf zu legen.» Für Réne Hausherr steht fest: Wie immer sich die reformierte Kirche auch verhält, sie wird in den nächsten Jahrzehnten kleiner, durchschnittlich älter und ärmer sein. Réne Hausheers Ausblick in die Zukunft ist trotz allen Schwierigkeiten positiv. «Vom kirchlichen Handeln wird abhängen, wie stark diese Schrumpfung ausfällt. Es liegt an uns, treu und gewissenhaft unsere Hausaufgaben zu machen.»

Studienurlaub

Die Kirchenordnung des Kantons ermöglicht Pfarrpersonen einen viermonatigen Studienurlaub. Voraussetzung ist eine Berufstätigkeit im Kanton von acht Jahren. «Ziel ist es zurückzuschauen,
den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, neue Einsichten zu gewinnen und sich in gewissen Themen auf den neuesten Stand zu bringen», erklärt Synodalrat Ulf Becker. Jährlich nutzen rund fünf Pfarrer das Angebot.


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Der Kirchenbote bietet auch den Kleinen die Gelegenheit, Religion näher kennenzulernen. Auf der Kinderseite erfahren Mädchen und Buben auf spielerische Art mehr über die Bibel und haben die Chance, beim Rätsel-Wettbewerb einen tollen Preis zu gewinnen.

Kiki.ch

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