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Kirche

Die Propagandaschlacht um Zwinglis Tod

Unter welchen Umständen der Reformator Zwingli bei der Schlacht in Kappel zu Tode kam, wird sich nie mehr herausfinden lassen. Die Leerstelle wurde aber für die konfessionalistische Propaganda benutzt und selbst die Zwingli untergeschobenen Waffen spielen darin eine Rolle.

Waren Zwinglis Waffen echt? Diese Frage beschäftigte jahrhundertelang Gelehrte, Museumskonservatoren und Reformationshistoriker. Mit der Ausstellung «Gott und die Bilder» im Landesmuseum 2018 machte schon die Historikerin Erika Hebeisen das Publikum damit vertraut, dass das ganze Zwingli-Waffenensemble weniger auf historisch einwandfreien Indizien beruht, sondern mehr auf konfessionalistischer Agitation.

So ist es ein bisschen Reklame, wenn der Mitherausgeber Hans Rudolf Fuhrer im Vorwort nahelegt, mit dem Büchlein «Der Tod des Reformators – Zwinglis Waffen» eine Reliquie zu entzaubern, was manche «als Tabu-Bruch verurteilen» könnten. Das Tabu ist längst gebrochen und in der reformierten Kirche ist das Schwert in der Hand des Eisen-Zwinglis hinter der Wassenkirche eher ein Dorn im Auge. Das weiss auch der Militärhistoriker Fuhrer, der das aktuelle Desinteresse am Schlachtgetümmel der Altvorderen bedauert.

Fake-News der Altvorderen
Was aber spannend an dem Büchlein ist: Es deckt auf, wie die Zwingliwaffen in einem Zeitalter benutzt wurden, wo Fake-News noch Propaganda hiess. Unzählige Quellen dieses Propagandakrieges der diesseits und jenseits des Glaubensgrabens ausgefochten wurde, sind hier versammelt. Schmähgedichte, Malereien und eben auch wie die Zwingli-Waffen in das agitatorische Arsenal der Glaubenskrieger gelangten.

Was die Sache von vornherein suspekt macht: Zwischen der Schlacht von Kappel 1531 und dem erstmaligen Auftauchen der Zwingli-Waffen liegen mehr als siebzig Jahre zurück. Zum ersten Mal sind sie im Inventar des Luzerner Zeughauses im Jahr 1605 aufgeführt. Der Urheber des Ganzen war Renward Cysat, berühmter Naturforscher und als Luzerner Stadtschreiber auch geschliffener Intellektueller für die katholische Sache. Vermutlich hat er aus den vielen Eisenhüten im Zeughaus Luzern einen hevorgezaubert und mit der Gravur Zwinglis versehen. Fertig war der Propaganda-Coup! Die Zwingli-Waffen erzählten so auch den Nachgeborenen vom grossen Sieg der katholischen Innerschweiz, die Gott immer auf ihrer Seite hatten.

Beutewaffen fürs Söldner-Marketing
Fuhrer liefert darüber hinaus noch eine spannende These. Die Trophäen siegreich geschlagener Schlachten dienten dem Söldnermarketing. Denn sie sollten den europäischen Mächten demonstrieren, wer die ruhmreichsten Reisläufer in seinen Reihen hatte. So hatten sie in Uri das samtene «Käplin» von Ulrich Zwingli im Zeughaus ausgestellt, in Sarnen den Spiess des Herzogs von Burgund und im Zeughaus Stans das Panzerhemd von Arnold Winkelried.

Was für Renward Cysats Propaganda-Trick spricht: In der Zeit, in der erstmals im Luzerner Inventar die Zwingliwaffen auftauchen, schrieb er einen Schlachtenbericht und erwähnte darin ebenfalls den Eisenhut und die Hellebarde Zwinglis. In seiner Chronik fehlte auch ein Seitenhieb auf den Reformator nicht: Zwingli habe sich zuerst als Feldprediger davor gedrückt, sich dem Auszug nach Kappel anzuschliessen.

Auf der reformierten Gegenseite waren indes die Chronisten wiederum bemüht, Zwingli als Held erscheinen zu lassen. Während die katholischen Propagandisten das unzweifelbare Gottesurteil im Tod des Reformators sahen, wendete Zwinglis Nachfolger der Zürcher Kirche, Heinrich Bullinger, diesen Fakt ins Sakrale: Viele Apostel und selbst Jesus von Nazareth hätten ein ähnliches Martyrium erleiden müssen. Schön auch, wie Zwinglis Tod auf dem Schlachtfeld als Lehrbeispiel für die reformierte Theologie benutzt wurde. Denn in Bullingers Reformationsgeschichte schüttelte Zwingli verneinend seinen Kopf als katholische Krieger ihn vor dem Todesstreich fragten, ob ihm ein Priester die Sterbesakramente spenden solle, ob er beichten oder die Mutter Gottes oder die Heiligen anrufen wolle. Selbst im Angesicht des Todes beharrte Zwingli auf den reformatorischen Prinzipien. Weder durch Fürbitten der Heiligen oder den sakramentalen Akt eines geweihten Priesters wollte er sein Seelenheil retten. Denn er selbst hatte es gelehrt: Nur durch den Glauben (sola fide) und die von Gott geschenkte Gnade (sola gratia) kann die Aufnahme ins Himmelreich geschehen.

Delf Bucher, reformiert.info, 17. September 2019

Adrian Baschung, Hans Rudolf Fuhrer, Jürg A. Meier: Der Tod des Reformators – Zwinglis Waffen. Schriftenreihe der Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen (GMS), Band 41. 128 Seiten, 35 Franken