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Kultur

Kritik von «Drama pur» bis «zäh wie Käsefondue»

Mit 240'000 Zuschauern ist der Spielfilm «Zwingli» einer der erfolgreichsten in der Schweiz. Im Oktober feierte der Schweizer Film in Deutschland Premiere. Und stiess auf Kritik, vor allem in Luthers Kirche.

Stefan Haupts Zwingli-Film gilt als erfolgreichste Schweizer Filmproduktion des Jahres. In Deutschland kommt er nun auf hochdeutsch synchronisiert in die Kinos. Den Start legte man auf den symbolträchtigen 31. Oktober, den Reformationstag. Die Premiere fand bereits Anfang Juli am Münchner Filmfestival statt. Das Publikum habe begeistert applaudiert, berichtete die Webseite persönlich.com. Eine weitere Vorführung gab es auf Einladung der Evangelischen Kirche im Rheinland Mitte Oktober vor rund 1300 Zuschauern in Essen.

«Zwingli hat Neuigkeitswert»
Die Erwartungen waren entsprechend gross: Gegenüber ref.ch sagte Manfred Rekowski, Präses der rheinländischen Kirche, das Reformationsjubiläum 2017 sei in Deutschland vielfach auf Luther reduziert worden. Der Zwingli-Film sei «eine Chance, auf die Vielseitigkeit der Reformation in Europa hinzuweisen». Rekowski hofft, dass der Film auch beim deutschen Kinopublikum ankommt. «Über Luther haben viele Menschen in Deutschland bereits ein abschliessendes Urteil gefällt. Dagegen hat Zwingli noch echten Neuigkeitswert.»

Auch Filmproduzent Mario Krebs ist überzeugt, dass der Film den Deutschen etwas zu sagen hat: «Das Geheimnis von Zwinglis Erfolg war, dass seine Umwälzungen von der Zivilgesellschaft mitgetragen wurden. In dem bis 1945 antidemokratischen und obrigkeitsstaatlichen Deutschland wäre dies undenkbar gewesen.» Sabine Horst, Redakteurin bei der evangelischen Zeitschrift «epd Film» sieht dies gleich: «Der Priester Ulrich Zwingli», schreibt sie, «hatte ein Herz für ‚die da unten’, forderte Bildung und Fürsorge. Der Film lässt hinter der historischen Kulisse die Aktualität seines theologischen und sozialrevolutionären Projekts aufscheinen.»

«Eine männliche Greta seiner Zeit»
Von den deutschen Medien erhält der Film über den Reformator aus der Limmatstadt Lob. Der Kritiker Matthias Heine auf welt.de: «Der Film ‚Zwingli’ leistet für den Schweizer Reformator das, was vor 16 Jahren ‚Luther’ für den mit Huldrych Zwingli in inniger Feindschaft verbundenen deutschen Thesenanschläger und Bibelübersetzer geleistet hat.» Er porträtiere den Schweizer Reformator als «eine Art männliche Greta seiner Zeit». Zwingli habe «Entwicklungen angestossen, die unser Leben heute noch prägen. Die Schweizer Reformation ist weltgeschichtlich folgenreicher gewesen als die deutsche.»

Peter Backof vom Deutschlandfunk preist den Schweizer Export als «Thriller» mit «unterhaltsamen Facetten». Der Humor komme nicht zu kurz, etwa wenn Generalvikar Faber ruft: «Fang nicht an, hier herumzufuhrwerken wie der Luther!» Das Biopic habe «alles, was ein Kinofilm braucht». Zwingli sei «ambivalent wie eine Shakespeare-Figur». «Zwingli – der Reformator» sei «Drama pur, kein didaktisches Reformationsepos» und «absolut sehenswert».

«Wie das Klischee der Eidgenossen»
Wie aber seinerzeit der Schweizer Reformator bei Luther durchfiel, findet der Leinwand-Zwingli 500 Jahre später bei der deutschen Kirche keine Gnade. Die Kritik ist brutal: Zu langsam, zu gemächlich, zu distanziert sei der Film, wie man es von den «Eidgenossen» erwarte, urteilt evangelisch.de. Die Filmexperten bemängeln die helvetische Zurückhaltung: Zu den Hauptpersonen finde man keinen emotionalen Zugang: «Ich leide nicht mit ihnen, ich freue mich nicht mit ihnen.» Vor allem Zwingli und seine Frau Anna Reinhart blieben blass, weil der Regisseur sich nicht nahe genug an die Menschen hinter den historischen Figuren herantraue. Zuletzt bemüht evangelisch.de noch das Schweizer Nationalgericht: Alles laufe «so ruhig und langsam ab wie ein zähes Käsefondue». Der Film bleibe «insgesamt eher gemütlich bis zurückhaltend. Ganz so, wie das Klischee der Eidgenossen».

Und was hätte Martin Luther dazu gesagt, der über Zwinglis nicht «rechte Teutzsche Sprache» polterte: «Einer möchte schwitzen, ehe ers verstehet», schrieb der Deutsche verärgert über Zwinglis Hochdeutsch, Theologie und Mentalität. Zwingli entgegnete ihm in Marburg selbstbewusst: «Ein Schwitzer bin ich und den Schwitzern bezüge ich Christum.» Kein schlechter Leitspruch für einen Film, der zeigt, dass es eine Reformation auch ausserhalb von Luthers Gnaden gab.

Karin Müller, kirchenbote-online, 11. November 2019