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Kirche

Die Reformierten, die sind... die haben... ähm...

Was glauben, was wollen eigentlich die Reformierten? Was macht sie aus, und was ist der Kern ihrer Konfession? Das wissen oft nicht einmal sie selbst. Obwohl es das reformierte Profil durchaus gibt.

Wer einen durchschnittlich gebildeten Passanten fragt, was er sich unter Katholizismus vorstelle, bekommt zu hören: Die Katholiken, das sind die mit dem Papst und den unverheirateten Priestern. Sie haben Weihrauch und die Messe. Und dann noch Kruzifixe und die Jungfrau Maria. Wenn man dieselbe Person nach der reformierten «Marke» fragt, antwortet sie nach einigem Zögern: Die Reformierten, das sind halt die mit den verheirateten Pfarrern. Und Papst haben sie keinen.

Wars das schon? Sind die Reformierten einfach das, was die Katholiken nicht sind? Eine Kirche, die sich aus der Verneinung heraus definiert?

Die vier «Soli»
Klar, unsere Testperson orientiert sich in Ermangelung tieferer Einblicke in die Kirchenwelt vor allem an Äusserlichkeiten, und damit können die Reformierten nun einmal nicht aufwarten. Allerdings lassen sie sich auch inhaltlich schwer festmachen. Da gibt es den Slogan «Die Reformierten denken selber» – ein Merkmal, das freilich auch auf andere kluge Mitmenschen zutrifft. Vielleicht hat man schon gehört, dass sich vorab im Kanton Bern reformierte Kirchgemeinden gerne als «offene Such- und Weggemeinschaften» bezeichnen. Und wer zufällig Theologin oder Historiker ist, weiss: Die Reformierten definieren sich über die «vier Soli», als da sind: Sola gratia, sola fide, sola scriptura, solus Christus.

Das sind nun immerhin vier prägnante, geradezu formelhafte Schlagworte des reformierten Selbstverständnisses, deutsch und deutlich – pardon, lateinisch und deutlich, aber: Ist das eine zeitgemässe, klare, verständliche und allenfalls sogar mitreissende Message? Haben die Reformierten überhaupt eine Botschaft und ein Profil, oder sind sie in ihrer «Suchgemeinschaft» ewig ein bisschen auf der Suche, unverbindlich und für (fast) alles offen?

Reformiert sein bleibt anspruchsvoll
Fragen, die angesichts des heutigen Hungers nach einfachen Botschaften durchaus relevant sind. Und doch schwer zu beantworten bleiben. Die reformierte Konfession stelle einen «sehr hohen Bildungsanspruch an die einzelnen Mitglieder», sagt der Theologe Stephan Jütte, der das Netzwerkprojekt RefLab der reformierten Landeskirche Zürich leitet. Manchmal nähmen Menschen Dinge, die sie nicht sofort verstünden oder sie unmittelbar anzögen, nicht wahr. «Früher war das weniger schlimm, weil reformiert zu sein vor allem eine Alternative zum Katholischsein darstellte.» Heute sei es ebenso eine Alternative, konfessionslos zu sein. In dieser Situation müssten die Konfessionen besser kommunizieren, was sie ausmache. Mit welcher Kurzformel lässt sich das für die Reformierten auf den Punkt bringen? «Gott in der Welt glauben, suchen und von ihr gefunden werden», lautet Jüttes Version.

An einem Treffen der reformierten Kirchenzeitungen der Schweiz hat der Zürcher Pfarrer Niklaus Peter zur reformierten Identität referiert. Für ihn steckt die reformierte DNA in einer Geschichte: in der Geschichte beherzter Theologen, die an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit mutig gegen die unselige Vermengung von Glaube, Macht und Geld aufgestanden sind, im Geiste von Nüchternheit, Mut, Pragmatismus und Selbstkritik. Und unter Ausformulierung eines Glaubens, der sich auf die Bibel rückbesinnt. «Wer von uns diese Geschichte nicht mehr in Ansätzen als positive Geschichte zu erzählen weiss, der beschädigt den Kern unserer Identität», lautet Peters Fazit.

Eine «fromme Auffrischung»
Auch Manuel Dubach, Pfarrer in der Stadt Burgdorf BE, macht sich Gedanken über den reformierten «Brand» – und kommt zum Schluss, dass ihm der Slogan «Selber denken. Die Reformierten.» eigentlich ganz gut gefällt. Jener Spruch, der, illustriert mit provokanten Bildern, vor 20 Jahren im Rahmen einer Plakatkampagne verbreitet wurde. Und doch: «Mir greift er in seiner pointierten Art zu kurz», meint Dubach. Denn bei aller griffigen Charakterisierung des Reformiertseins dürfe auch der Glaube nicht fehlen. «Er ist das besondere Etwas, das den Unterschied zwischen Eigenverantwortung und Eigenmächtigkeit ausmacht.»

Deshalb plädiert der Theologe für eine «fromme Auffrischung» des Slogans. Und zwar in dieser Form: «Gott vertrauen. Selber denken. Die Reformierten.» Was letztlich bedeute: «Reformierte Kirche ist dort, wo Glaube und Vernunft neben- und miteinander gedeihen können.» Ganz nach dem Apostel Paulus, wenn er sagt: «Ich will im Geist beten, aber ich will auch mit dem Verstand beten» (1. Kor 14,15a).

Wirken ist die beste Werbung
Und was meint der Werbefachmann? Oliver Errichiello ist Dozent für Markenmanagement in Hamburg, Bremen und Luzern. In einem Interview auf Deutschlandfunkt äusserte er die Ansicht, dass knackige Werbebotschaften und Jubeljahre generell nicht geeignet seien, Kirche im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Das gelte für die Reformierten und die Katholiken gleichermassen. Der Markenkern der Kirchen sei ihr Wirken vor Ort. Dieses Wirken, dieses Dasein für andere, sei die beste Werbebotschaft. Es komme letztlich darauf an, den Leuten klarzumachen: «Wenn du ein Problem hast, ein persönliches Problem, dann gibt es jemanden, der für dich da ist. Und der ist ein Vertreter von Gottes Wort.»

Hans Herrmann, reformiert.info, 9. Dezember 2019