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Kultur

Botschaften aus Teig und Marzipan

23.12.2019
Die Winterzeit ist die Zeit der Guetzli. Doch mit den rund hundert Gebäckmodel, die im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen zu sehen sind, schufen die Menschen in früheren Zeiten das ganz Jahr über Köstlichkeiten.

Model sind Negativformen aus Holz, Ton, Stein oder Metall. Als Holzträger wählte man meistens das harte und gut zu bearbeitende Birnbaumholz. Die Modelherstellung entwickelte sich seit der frühen Neuzeit zu einem florierenden Handwerk. Die Modelproduktion diente Silberstechern und anderen Kunsthandwerkern als lukrativer Nebenverdienst. «Ihre qualitätsvolle Ausführung verrät die Hand erfahrener Formschneider», berichtet Daniel Grütter, Kurator der Ausstellung «Augenschmaus. Faszination Gebäckmodel» im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen.

Teures Genussmittel
In der frühen Neuzeit stand der breiten Bevölkerung Honig als einziges Süssungsmittel zur Verfügung. Leider lässt das heimische Bienenprodukt den Teig aufgehen, so dass feine Ausformungen nicht möglich waren. Importierten Zucker sowie Mandeln, die für die Marzipanherstellung bedeutend sind, konnte sich nur die vermögende Oberschicht leisten. Folglich war sie die Auftraggeberin für die filigran geschnittenen Model. Mit ihren Holz- und Tonformen schuf der Zuckerbäcker reliefartige Backwaren und Tortendekorationen aus Marzipan. Das kostbare Genussmittel erhielt kunstvolle Präsentationen und diente als Augenschmaus bei festlichen Ereignissen.

Schenktradition
Im 15. bis 19. Jahrhundert wurde mit Modeln geprägtes Gebäck für religiöse und weltliche Anlässe hergestellt. Man erhielt die «essbaren Bilder» zu Neujahr, Ostern oder Weihnachten sowie bei Geburt, Verlobung oder Hochzeit. So bedankten sich die Klöster mit ihrem gemodelten Gebäck bei ihren Schirmherren um die Jahreswende, wie das Autorenpaar Hans-Peter Widmer und die Kunsthistorikerin Cornelia Stäheli für ihre neue Publikation «Gebäckmodel des 15. bis 18. Jahrhunderts – eine Kulturgeschichte» recherchiert haben. Der Schaffhauser Hans-Peter Widmer gilt als einer der besten Kenner von Schweizer Gebäckmodeln.

Durch Heirat unter angesehenen Familien aus Schaffhausen, St. Gallen oder Zürich schenkte man sich gegenseitig gebackene Allianzwappen, um die Verbindung mit der entfernt lebenden Schwiegerfamilie zu pflegen. Bebilderte Model sowie ihre reliefartigen Endprodukte dienten sowohl als Gast- als auch als Gastgebergeschenke. Sie vermittelten ihren Empfängerinnen und Empfängern direkte oder verschlüsselte Botschaften.

Mit allen Sinnen
Ins Auge fällt die Vielfalt der Modelbilder. Die Sujets stammen aus Geschichten der Bibel, Szenen aus dem Alltag, Mythologie oder Natur. Die alttestamentliche Szene «Samson mit Löwen» suggeriert, dass dessen übermenschliche Kraft und Mut durch das Gebäck aufgenommen werden kann. Sujets aus dem Leben Jesu mit ihren messianischen Botschaften können als essbare Bilder nun mit allen Sinnen einverleibt werden. Verschiedene Model werden ausschliesslich zu Kirchenfesten verwendet: Die Kreuzigungsszene in der Karwoche, das Lamm Gottes zu Ostern, die Krippendarstellung zu Weihnachten.

Szenen aus dem menschlichen Leben spiegeln die soziale Stellung und sprechen die Gefühle: Hier der stolze Kavalier mit Federhut, dort die fürsorgliche Mutter mit Kindern oder die fromme Nonne mit Rosenkranz.

Liebe geht durch den Magen
Interessant sind Liebessymbole, die uns heute nicht mehr bekannt sind. «Das von Säge und Pfeilen durchstossene Herz etwa versinnbildlichte die Liebe zweier Menschen», verrät Kurator Daniel Grütter, «die trotz aller Leiden vom Glück getragen wird.» Die Sujets vom Handschuhpaar oder von Socken stehen für ein Heiratsversprechen. Der Model mit Wickelkindern bringt den Wunsch nach reichem Kindersegen zum Ausdruck.

Viele Gebäckmodel sind Unikate und gehörten bestimmten Personen, Familien oder Zünften. Während heutzutage reliefartiges Gebäck wie Spekulatius hauptsächlich in der Vorweihnachtszeit im Angebot steht, waren die alten Model beim Feinbäcker das ganze Jahr über in Gebrauch. Sowohl die Ausstellung als auch die Publikation vermitteln, dass die historischen Gebäckmodel mehr als nur Formen für süsses Naschwerk sind. Durch sie erfährt man viel über eine vergessene Kulturgeschichte.

Judith Keller/red, kirchenbote-online, 23. Dezember 2019

Ausstellung «Augenschmaus. Faszination Gebäckmodel», bis 13. April, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, www.allerheiligen.ch