Logo
Politik

Saatgutkonzerne bedrängen zusehends die lokale Landwirtschaft

Saatgut: Seit jeher eine Machtfrage

18.02.2020
Fastenkampagne 2020 der drei Hilfswerke Fastenopfer, Brot für alle und Partner sein nimmt sich des gerechten Saatguts an.

Der christkatholische Pfarrer aus Neuenburg, Nassouh Toutuongi, bringt die ökumenische Fastenkampagne auf den Punkt: «Die Kontrolle über Saatgut ist seit jeher eine Machtfrage.» Die Zahlen der «globalen Vermögenspyramide», welche die Bank Credit Suisse (CS) veröffentlicht, sind deutlich: In den Industrieländern verdienen etwa zwanzig Prozent der Erwachsenen weniger als 10 000 Dollar im Jahr. In Indien und Afrika hingegen fallen mehr als 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in dieses Segment. Für viele Einwohner von Niedriglohnländern sei es eher die Norm als die Ausnahme, ein Leben lang diesem Armutssegment anzugehören, hält die CS fest.

Fingerzeig auf das Saatgut

Die Gründe für das Armutsgefälle mögen vielfältig sein. Die diesjährige Fastenkampagne pickt eine der Ursachen heraus: das Saatgut. Nassouh Toutuongi, Sohn eines Libanesen und einer Schweizerin, benennt Aspekte des Saatgut-Handels, die problematisch sind. Unternehmen sei es heute möglich, gentechnisch manipuliertes Saatgut patentieren zu lassen und dieses als «exklusives und kommerzielles Produkt» zu verkaufen, betont Toutuongi. «Gewisse Unternehmen» wollten gleichzeitig Bauernfamilien verbieten, das eigene, traditionelle Saatgut mit anderen Landwirten zu «tauschen». So werde eine Art niederschwelliger Handel unterbunden.

Antwort auf Klimawandel

Die ökumenische Kampagne thematisiert die Bewahrung der Vielfalt des Saatgutes auch vor dem Hintergrund des Klimawandels. Im «Kampagnenmagazin 2020» heisst es, dass nach wie vor 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit von kleinbäuerlichen Betrieben angebaut werden und nicht von der Agrarindustrie. Dieses lokale Saatgut sei besser an die regionalen klimatischen Bedingungen angepasst als die Industrieprodukte.

«Mais soll nicht mehr zur Produktion von Pharmazeutika, Kunst- oder Biokraftstoffen verwendet werden.»

Das katholische Fastenopfer, das reformierte Brot für alle und das christkatholische Hilfswerk Partner sein fordern via Kampagne, dass die Bauern und Bäuerinnen einen sicheren Zugang zu ihren Ressourcen und auch die Kontrolle über diese bewahren können. Eine gefestigte, kleinbäuerliche Landwirtschaft könne eine «wichtige Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels sein».

Stimmen aus aller Welt

Heute dominierten drei internationale Saatgutkonzerne den weltweiten Markt. Diese versuchten in verschiedenen Ländern, gesetzlich ihre Produkte zu schützen und auf dem Markt durchzusetzen. Dadurch werde ein «jahrtausendealtes Landwirtschaftssystem» zerstört, schreiben die Hilfswerke. Die Gewinnung von Saatgut lag in Kenia immer bei den Bäuerinnen. Diese gaben ihr Wissen an ihre Töchter weiter, schreibt Ruth Nganga im Kampagnenmagazin und ergänzt: «Dass dies nun plötzlich verboten sein soll, ist absurd.» Mais soll nicht mehr zur Produktion von Pharmazeutika, Kunststoffen oder Biokraftstoffen verwendet werden, verlangt die Guatemaltekin Inés Pérez. Und Mercia Andrews aus Südafrika fügt an: «Wir sind die Hüterinnen des Landes, des Lebens und des Saatguts.»

Eintauchen in die Liebe Gottes

Die Hilfswerke haben für die Kampagne Materialien bereitgestellt, darunter auch ein Meditationsbüchlein. Die Texte dazu hat der Autor Pierre Stutz verfasst, der bis 2002 Priester in Neuenburg war und nach seinem Coming-Out als Homosexueller einen neuen Weg ging. Es sei ihm darum gegangen, aufzuzeigen, «dass unser Eintauchen in die Liebe Gottes uns bestärkt, auftauchen zu können für Frieden in Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung». So begründete Stutz seinen Einsatz für die Fastenkampagne.

Text: Georges Scherrer, kath.ch | Foto: Brot für alle


Kommentar erstellen