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Kirche

«Die biblischen Geschichten sind unser Kapital»

22.09.2020
Seit knapp neun Monaten ist Kirchenratspräsident Christoph Herrmann im Amt. Im Interview sagt er, wie er Vorurteile gegen die Kirche abbauen möchte und ob die Kirche politisieren darf.

Christoph Herrmann, Sie haben Anfang Jahr Ihr Amt angetreten. Kurz darauf kam die Corona-Pandemie. Sie haben sich Ihren Einstieg sicher anders vorgestellt.
Mein Einstieg kam nicht nur wegender Corona-Pandemie anders alserwartet. Ich plante, mir einen Überblickzu verschaffen, mich einzuarbeitenund mich bei anderen Kirchenpräsidienoder der Baselbieter Regierungvorzustellen. Stattdessen eröffnetemir unsere Kirchensekretärin ElisabethWenk gleich in der ersten Arbeitswoche,dass sie gekündigt hat.So waren wir damit beschäftigt, einStellenprofil für ihre Nachfolge auszuarbeitenund Bewerbungsgesprächezu führen. Kurz vor dem Corona-Lockdown konnten wir Peter Jung alsneuen Kirchenschreiber wählen. DerLockdown prägte die Zeit bis zu denSommerferien. Der Aufwand für dieInformation und Koordination warimmens. Als grosses Sachgeschäfthatte ich zudem die Entwürfe derKirchen- und Finanzordnung geerbt,die wir besprechen und in die Vernehmlassungschicken mussten.

Ist der Alltag nun wieder eingekehrt?
Ich denke, ich bin angekommen.

Mussten Sie Wichtiges zurückstellen?
Wir mussten Verschiedenes zurückstellen. Ich merkte auch, dass man vieles aufschieben kann und manches gar nicht so wichtig ist.

Zum Beispiel?
Sitzungen. Da gibt es viele, indenen man eigentlich anwesend seinsollte. Wenn sie jedoch corona-bedingtin anderer Form stattfinden,funktioniert der Austausch sehrgut. Es ist nicht nötig, ständig nachBern, Zürich oder Aarau zu fahren.Man kann sich die Wege sparen undso effizienter arbeiten.

Als es keine Gottesdienste mehr gab, setzten viele Kirchgemeinden auf Streaming. Sind digitale Veranstaltungen die Zukunft der Kirche?
Das glaube ich nicht. Aber sie werdenein Teil des Angebots bleiben. DerVorteil ist, dass man die virtuellenGottesdienste in Institutionen wie Altersheimeholen kann. Und es gibtLeute, die am Sonntag nicht in dieKirche gehen, aber gerne von zu Hauseaus am Bildschirm dabei sind. DiesesPublikum wollen wir weiterhin erreichen.Doch Veranstaltungen lebenvon der Ganzheitlichkeit. Einen Gottesdiensterlebt man mit allen Sinnen.Von einem Stream wird man wenigerberührt, das läuft mehr über den Kopf.

Rückgang und Überalterung der Mitglieder sowie sinkende Einnahmen machen den Kirchen zu schaffen. Die Baselbieter Kirche hält mit der Totalrevision der Verfassung dagegen. Ändert sich der Auftrag der Kirche?
Der Auftrag bleibt der gleiche, sowie es in der Verfassung steht: «Einanderes Fundament kann niemandlegen als das, welches gelegt ist: JesusChristus.» Der Auftrag der Kirche istes, dies zu leben und zu verkündigen.

Wer übernimmt die Aufgaben, wenn es, wie befürchtet, weniger Pfarrerinnen und Pfarrer gibt?
Es ist natürlich wünschenswert,dass es genug Pfarrnachwuchs gibt.Die Kirchenverfassung gibt die Möglichkeit,auf einen allfälligen Pfarrmangelzu reagieren, und nenntverschiedene Dienste, die man delegierenkann, sei es an Sozialdiakoneoder Ehrenamtliche.

Führt dies nicht zu einem Prestigeverlust des Pfarrberufs?
Das Wort Prestige im Blick aufden Pfarrberuf finde ich schwierig.Wenn Mangel herrscht, wird es umsowichtiger, einen Pfarrer oder einePfarrerin zu haben.

Die Baselbieter Kirche möchte für die gesamte Bevölkerung da sein. Kann sie sich das leisten?
Heute können wir uns das leisten,ich hoffe, dass dies noch lange der Fallsein wird. Als öffentlich-rechtlich anerkannteKirche haben wir den Auftrag,für die gesamte Bevölkerung dazu sein. Wir fragen niemanden nachdem Mitgliederausweis, wenn er sichan uns wendet, einen Gottesdienst, einenMittagstisch oder den Religionsunterrichtbesucht. Alle sind herzlichwillkommen. Es ist möglich, dass wirirgendwann Abstriche machen müssen.Doch dies liegt in ferner Zukunft.

Sie haben sich gegen die Revision des Sozialhilfegesetzes ausgesprochen. Darf die Kirche politisieren?
Die Kirche darf nie Parteipolitikbetreiben. Sie darf sich auch nicht voneiner Partei instrumentalisieren lassen.Es gibt aber Themen, zu denensich die Kirche äussern soll, wenn eszum Beispiel um die Menschenwürdeund die Schwachen in unserer Gesellschaftgeht. Dies geht alle etwas an.Die Frage ist, in welcher Form die Kirchesich einbringt. Aktuell haben wirdas bei der Konzernverantwortungsinitiativediskutiert. Der Kirchenratals Gremium unterstützt sie. DemKirchenvolk steht es aber frei, anderszu entscheiden. Unsere Haltung giltnicht für alle und wir erlassen keineAbstimmungsparolen. Ziel ist es, dassdie Kirchgemeinden Veranstaltungenanbieten, an denen beide Seiten miteinanderins Gespräch kommen.

Wohin möchten Sie die Kirche während Ihrer Amtszeit führen?
Ich verstehe meine Funktion nichtso, dass ich die Kirche irgendwohinführe. Da hätten auch die Kirchgemeindenetwas dagegen. Paulus sagt:«Ich schäme mich des Evangeliumsnicht», dieses Selbstbewusstseinmöchte ich vorleben. Unsere Kirchehat Gutes zu bieten, etwa die wunderbarenbiblischen Geschichten undTraditionen. Es ist mir ein grossesAnliegen, diesen Schatz vom Generalverdachtdes Naiven, Unaufgeklärtenzu befreien. Ich wünsche mir einenerwachsenen Umgang mit diesen Geschichten.

Wie meinen Sie das?
Dass wir als Kirche nicht einfachsagen: Wir wissen, wie es ist. Im Johannesevangeliumzum Beispiel sagtJesus: Ich bin der Weg, die Wahrheitund das Leben, niemand kommt zumVater denn durch mich. Diese Aussageempört viele, sie wehren sich gegendiesen Absolutheitsanspruch etwa gegenüberanderen Religionsgemeinschaften.Dies ist berechtigt, doch mirist es wichtig, dass wir uns bewusstmachen, dass hier nicht Jesus spricht.Johannes lässt ihn diese Worte sagen.Wenn wir uns fragen, warum er diestut, wird es spannend. In welchemKontext entstand diese Aussage? Undwie kann man sie heute verstehen?Spricht man mit den Leuten darüber,kommen deren Sehnsüchte zum Vorschein,was sie glauben und was sieträgt. In diesen Geschichten könnenwir uns wiederfinden.

Wie vermittelt man die biblischen Geschichten, damit diese Gespräche stattfinden können?
Indem man sie überall erzählt, inder Seelsorge, im Religions- und Konfirmationsunterricht,in den Gottesdiensten,am Mittagstisch. Die biblischenGeschichten sind unser Kapital,unsere Stärke. Es gibt kaum eine Institution,die so gute Geschichten hat.Doch die Kirche trifft auf viele Vorurteile.Um diese abzubauen, müssenwir Gefässe finden, wo etwa Jugendlichegute Erfahrungen mit der Kirche machen können.

Interview: Karin Müller