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Kultur

Adolf Muschg zu Heimat und Identität

«Wir erleben bei jeder Abstimmung, dass wir die anderen ertragen müssen.»

04.10.2020
Heimat und Identität sind Themen, mit denen sich Adolf Muschg sein Leben lang beschäftigt. Der Schriftsteller darüber, warum Heimat ein Plural ist und das Absurde im Christentum grossartig ist.

Herr Muschg, Sie haben lange in Japan gelebt. Wird einem die eigene Heimat und Identität erst in der Fremde bewusst?
Man erlebt dort erstmals die eigene Grenze, sei es, wenn man ein Wort hört, ein Lächeln sieht und es nicht begreift. Das schmerzt und beleidigt das Selbstwertgefühl - und ist gesund. Das Andere, das wir in der Fremde erleben, ist Teil von uns selber. Man darf dieses Fremde nicht eins zu eins übersetzen, sondern muss dafür eine neue Sprache finden. Das ist ein Lernprozess, so wie das ganze Leben. 

Ist Heimat ein Sehnsuchtsort, ein Ort, an dem man willkommen ist und verstanden wird?Natürlich wecken die Landschaft, in die man hineingeboren wurde, und das Dorf, in dem man lebt, Heimatgefühle. Im Laufe des Lebens merkt man jedoch, wie enorm sich diese Heimat verändert. Der griechische Philosoph Heraklit sagte, man steigt nie zweimal in den gleichen Fluss. Und er fügte hinzu, man ist es und man ist es nicht. Die Doppeldeutigkeit von dem, was man unter Sicherheit versteht, ist ein Teil des Lern- und Reifeprozesses. Im Grunde genommen ist Heimat ein Plural, man erlebt permanent neue Heimaten.

Rechte Parteien greifen Heimat und Identität auf und schliessen andere aus. Wie könnte man dieser Entwicklung begegnen?
Sicher nicht, indem man das Gleiche macht und sich von diesen Leuten abgrenzt. Aus Hochmut oder aus dem Gefühl, mit denen habe ich nichts zu tun. Wahrscheinlich muss man anerkennen, dass sie Erfahrungen gemacht haben, die ihnen eine Grenze nötig und lieb macht. Sie brauchen Feindbilder. Das ist ein trauriger Befund. Wir sind jedoch nicht geschaffen, unsere Identität vom Feind zu beziehen, den wir nicht kennenlernen dürfen, und der deshalb unser Feind bleibt. Diese identitäre Haltung ist Ausdruck für die grosse Angst und das Gefühl, dass man nur unter Gleichgesinnten etwas wert ist. Und damit verzichtet man auf neue Erfahrungen. 

Warum überlassen die Intellektuellen und Linken den Rechten die Deutungshoheit über die Heimat?
Dazu gehöre ich nicht. Ich stelle mir beim Begriff Heimat die Frage, was brauche ich zum Leben. Bei mir sind es die Freunde und das Schreiben. Wenn ich ins Ausland auswandern müsste, sind es die Sprache und die Freundschaften, die meine Identität begründen. 

Ist es nicht Ihre Herkunft?
Identität ist ein defekter Begriff, denn das Leben ist nicht etwas Statisches, sondern beruht auf Veränderung. Schon die Evolution basiert auf Mutation. Das Gleiche gilt für die Kultur. Der Aussenseiter bestimmt die Entwicklung. Der Normale – sofern er sich so bezeichnet – steht sich selber auf dem Schlauch. Er bringt sein Potential nicht zur Geltung und lebt seine Möglichkeiten nicht.

Von Ihnen stammt folgendes Zitat: «Die Schweiz ist die Republik, der ich mich verpflichtet fühle, meine Heimat ist sie nicht. Ich glaube, das ist ganz gut so.» Warum ist das gut?
Die Aussage bezieht sich auf den Umgang mit dem Fremden. Ein befreundeter Psychiater erklärte mir, sogar die primitivsten Gesellschaften kennen zwei Ausnahmen bei der indentitären Haltung: Die Exogamie (Heirat ausserhalb der Sippe) und die Gastfreundschaft. Man heiratet aus dem eigenen Clan hinaus, um die Überlebenschancen der Nachkommen zu sichern. Und man empfängt den Fremden als Gast, denn ansonsten erfährt man nichts Neues aus der Welt und kann keinen Handel treiben. Es lohnt sich, den Gast - den potentiellen Feind - erst einmal anzuhören. Der Handel und die Kultur der Griechen beruhten auf diesem System. Sie gründeten entlang des Mittelmeers unzählige Kolonien. Die Städte bildeten den Nährboden für das, was den Hellenismus ausmacht: Die Art zu denken, Konflikte zu lösen, zu philosophieren und zu politisieren. In Athen entstand die erste Demokratie. Ein Volk und dessen Lebenskraft bemisst sich daran, ob es lernt, Grenzen zu überschreiten. Geschieht dies nicht, verkümmert es an sich selber und dem mangelnden Austausch.

Auch für die Christinnen und Christen gibt es eigentlich keine Heimat auf Erden. Sie sind fremd auf der Welt. Sehen Sie gewisse Parallelen zu Ihrem Heimatbegriff?
Die Frage führt weit. Historisch ist es ein Wunder, dass es einem Wanderprediger aus Galiläa gelang, mit seiner Lehre das römische Weltreich zu erobern. Seine Wirksamkeit beruhte darauf, dass die Sklaven und Frauen für den Moment des Leidens und für die Erlösung, die im Christentum steckt, empfänglich waren. Es ist ein historisches Wunder, dass man den Worten dieses Aussenseiters, der als Hochverräter gekreuzigt wurde, glaubte. Unabhängig von christlichen Erklärungen hat dies etwas tief Existenzielles. Für mich hört das tiefe Interesse an Christus mit Karfreitag auf, den Sprung zu Ostern schaffe ich nicht – es ist mir zu unspezifisch. Natürlich mag man Ostern, weil dann der Frühling beginnt und man Eier suchen kann. Aber die Einheit von Leiden, Erlösung und Auferstehung ist ein Geheimnis. Die Frömmigkeit besteht darin, dass diese Frage offen bleibt. Ich kann mit einem Jenseits immer weniger anfangen.

Von Ostern zu Weihnachten: Die Weihnachtsgeschichte ist, selbst wenn sie bürgerlich gefeiert wird, die Geschichte der Heimatlosen. Sie erzählt von einem jungen Paar, das flüchtet und nirgends unterkommt. Die Einzigen, die sie besuchen, sind Randständige: Hirten und Magier.
Und nicht zu vergessen die Jungfrauengeburt, die für den zukünftigen Ehemann eine Zumutung war. Nach menschlichem Ermessen ist Jesus das Kind eines anderen. Josef wollte Maria verlassen, bis ein Engel ihm in den Weg trat und ihn daran hinderte. Solche skandalösen Kernpunkte interessieren mich am meisten am Christentum. Sie überschreiten Grenzen, auch wenn wir dies ungern tun.

Wie meinen Sie das?
Das Grossartigste am Christentum ist zugleich das Absurde: Das, was in der Bergpredigt steht, kann niemand leben. Aber zugleich glauben wir tief an dieses Evangelium. Nur die wenigsten von uns können die Feindesliebe leben. Diesen Widerspruch müssen wir in uns nicht nur ertragen, sondern billigen. Das ist das Geheimnis des Christentums und all der Geschichten, die sich darum ranken. Und das macht das Christentum auch sympathisch. Aber ich bastle mir daraus keine persönliche Hoffnung.

Was macht die Geschichten der biblischen Heimatlosen so attraktiv, dass sie bis heute gefeiert werden? In den Mythen anderer Religionen treten die Götter und Könige mächtig auf. Heute kennt sie kaum jemand mehr.
Es ist dieser Skandal, den auch Sören Kierkegaard und andere festgestellt haben, und sich gegen die Mauerkirche gewendet haben. Das Evangelium ist revolutionär. Wer nach dem Evangelium leben will, muss die meisten Gewohnheiten, Gesetze und Ordnungen, auf die wir dressiert sind und die auch lebenserhaltend sind, relativieren. Diese Relativierung, die auf der Radikalität des Evangeliums beruht, wird heute kaum mehr auf der Kanzel gepredigt. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich die Kirchen leeren. Die Kirchen haben sich von der Gnadeninstanz zum Verkäufer gewandelt. Sie werden daran gemessen, wie gut sie sich verkaufen. Und zugleich wissen sie, dass sie diametral entgegen der Botschaft des Evangeliums handeln. Jesus hat die Händler aus dem Tempel getrieben. Im Grunde verhandelt die Kirche mit der bürgerlichen Gesellschaft über das ökonomische Wachstumsbedürfnis.

Was müsste die Kirche tun?
Eigentlich müsste sie radikale Menschen suchen, die das Evangelium leben - vielleicht sind diese nicht einmal Christen. Beispielsweise die neuen Kinderkreuzzüge, bei denen die Jugendlichen mit ihren Gewohnheiten brechen, so dass die Umwelt für uns alle erhalten bleibt.

Lassen Sie uns über Flüchtlingsschicksale reden. Kann jemand, der aus Afrika oder dem Nahen Osten nach Europa flüchtete, in der Schweiz eine Heimat finden kann?
Ich kenne einige Beispiele: Etwa den kurdischen Regisseur Mano Khalil, der den Film «Unser Garten Eden» gedreht hatte. Er kam 1996 als Flüchtling in die Schweiz. Als ich Rolf Lyssys Film «Eden für jeden» gesehen habe, erinnerte ich mich an Khalils wunderbaren Film. Khalil reagierte wie ein echter Christ, als er es Lyssy nicht übelnahm, dass er auf seinen Stoff zurückgegriffen hatte.

Was kann man als Schweizer tun, dass Flüchtlinge hier eine Heimat finden?
Das möchte ich auch gerne wissen. Wissen Sie, das Spannende an der Schweiz ist, dass jeder von uns, ob Zürcher, Basler oder Welscher von der Urschweiz aus betrachtet ein Fremder war. Zürich - einst eine Habsburger freundliche Stadt - trat nicht aus Patriotismus, sondern aufgrund der Bündnispolitik der Eidgenossenschaft bei. Die Schweiz ist ein Bund von völlig ungleichen Partnern. Wir erleben bei jeder Abstimmung, dass wir die anderen ertragen müssen. Doch das ist wertvoll. Was wäre die Schweiz ohne die Welschen, Tessiner oder die Rätoromanen? Sich zusammen zu finden fordert unsere Identitäts-Intelligenz permanent heraus. 

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online.ch