Logo
Wirtschaft

Zwischen planen, warten und hoffen

24.02.2021
Sie wollen Menschen zusammenführen, stattdessen müssen sie Distanz halten und Absagen erteilen. Vor einer Achterbahnfahrt der Gefühle in der Pandemie sind auch Pfarrpersonen nicht gefeit.

«Wir Theologen, die den Weg ins Pfarramt gewählt haben, verstehen uns eigentlich als Experten für kirchliche Gemeinschaft und wollen Menschen zusammenführen. Doch nun müssen wir uns mit Distanzregeln, Verboten und Absagen herumschlagen», stellt Pfarrer Uwe Buschmaas, Kirchgemeinde Sulgen- Kradolf, fest. «Wir leiden mit, wenn uns der Besuch am Krankenbett oder im Heim verwehrt ist, wenn die Trauerfeier nicht wie gewünscht stattfinden kann, die Hochzeit verschoben und die Konfirmandenreise abgesagt ist.»

Verwalten statt Gestalten
Wie die Pandemie die sonst abwechslungsreiche Pfarrtätigkeit beschneidet und statt Mitgestalten am vielseitigen Gemeindeleben zum Verwalten wachsender Pendenzenberge zwingt, verdeutlicht Buschmaas am Beispiel einer abgesagten Veranstaltung: Die als Thurgauer Premiere geplante dreiwöchige Wanderausstellung «Die illegale Pfarrerin » hat schon in der Vorbereitung Menschen aus völlig unterschiedlichen Interessengruppen zusammengebracht. Gemeinsam engagierten sich Vertreter aus der kirchlichen Kinder- Jugend- und Seniorenarbeit, Konfirmandenunterricht, Gottesdienst, Erwachsenenbildung, feministischer Gesprächskreis und Männer-Gesprächskreis, benachbarte Kirchgemeinden, lokaler Kulturveranstalter und Buchhandlung. Für die Ausstellung im Kirchenzentrum Kradolf und das umfangreiche Rahmenprogramm an verschiedenen Orten fassten sie ein breites Publikum ins Auge. Aktive wie passive Gemeindeglieder, aber auch kirchlich distanzierte Menschen sollten miteinander ins Gespräch kommen. Ein beträchtlicher Teil des Gemeindelebens der involvierten Kirchgemeinden wurde auf die Ausstellung abgestimmt. «Das Schöne war die gemeinsame Vorfreude auf den Anlass. Auch die enttäuschte Freude wegen der Absage verbindet uns. Wir hoffen gemeinsam, die Ausstellung über Greti Caprez, erste Pfarrerin in der Schweiz und Frauenrechtlerin, nachholen zu können.» Doch Buschmaas ist skeptisch: «Das Ziel vor Augen schwindet immer weiter in die Ferne.»

«Corona geht mir auf den Keks»
Absage bedeute nicht einfach Termine absagen, sagt Buschmaas. Die Auswirkungen zögen einen ganzen «Rattenschwanz» nach sich. «So ein Grossanlass kann wegen der langen Vorlaufzeit und der vielen Beteiligten nicht einfach ‹mal so› verschoben werden. Er muss stimmig ins Kirchenjahr eingebettet werden. Auch wenn es gelingen sollte, neue Termine mit allen Beteiligten zu finden, die Planungsunsicherheit bleibt, die Gelegenheit der Vernissage exakt zum 50-Jahrjubiläum des nationalen Frauenstimmrechts ist verpasst.» Was nun zeitlich dränge, sei die Frage, wie die Lücken gefüllt werden können. Auch die Gottesdienste seien nämlich auf die Ausstellung abgestimmt gewesen. Für den Familiengottesdienst mit dem Leitungsteam unserer Jugendarbeit sei das Thema hingegen schon klar: «Corona geht mir auf den Keks.»

Gottesdienstprivileg nicht gefährden
Die Versuchung der Kirchgemeinden, ein Schlupfloch zu finden, statt Veranstaltungen abzusagen, liegt nahe. Kirchenratsaktuar Ernst Ritzi warnt jedoch eindringlich davor, Konzerte und andere Veranstaltungen als Gottesdienst zu deklarieren: «Wir sind froh, dass Gottesdienstfeiern bis 50 Personen erlaubt sind, dieses Privileg dürfen wir nicht missbrauchen und gefährden. Andere Kantonalkirchen empfehlen bei Zweifeln auf Gottesdienste zu verzichten, wir nicht.»

 

(Brunhilde Bergmann)


Kommentar erstellen