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Kirche

Der Weg zweier Glocken an den Vierwaldstättersee

27.02.2021
Wie es gehen kann, dass ein Dorf völlig unerwartet zu neuen Glocken kommt, zeigt diese Geschichte am Beispiel der Gemeinde Weggis.

Die Freude in der reformierten Kirchgemeinde in Weggis war gross, als diese in einem Testament bedacht wurde. Doch bald stellte sich Ernüchterung ein. Das Legat, wie es in der Fachsprache genannt wird, beinhaltete eine Auflage. Diese sah vor, dass das Vermögen der Erblasserin in eine Glocke investiert werden müsse, nur dann werde das Geld freigegeben. Doch weshalb sollte man eine Glocke kaufen?, fragte man sich in Weggis. Seit 1923 schlagen zwei Glocken vom Kirchturm, die tadellos funktionieren. Hätte eine dritte überhaupt Platz? Und wie sieht es mit der Statik aus? Fragen, die geklärt werden mussten, wenn man das Geschenk annehmen wollte, wie viele weitere, die im Laufe der Zeit dazukamen. «Wir hatten unterschätzt, wie lange so ein Projekt benötigt, bis es realisiert werden kann», sagt Urs Brunner, Präsident des Kirchenrates. Seit vier Jahren ist er damit beschäftigt.

Via Livestream dabei
Die Firma Muff Kirchentechnik, aus dem Kanton Luzern, wurde beauftragt. Diese stellte fest, dass aus Platzgründen zwei Glocken gegossen werden müssten. Man empfahl, die Glocken bei der Firma Grassmayr in Innsbruck in Auftrag zu geben. «Grassmayr ist die bedeutendste Glockengiesserei europaweit, die heute noch genügend Kirchenglocken in einer grossen Stückzahl herstellen kann», so Urs Brunner. Eigentlich wollte er bei der Entstehung der Glocken vor Ort anwesend sein. Doch Corona kam dazwischen. Stattdessen übertrug die Firma am 4. Dezember den Glockenguss per Livestream. «Es war ein feierlicher Moment zu sehen, wie eine Glocke gegossen wird», erinnert sich Urs Brunner. Die Zuschauer seien jeweils in ihrer Landessprache begrüsst worden, auch die Schweizer aus dem Vierwaldstättersee. Beim monatlichen Guss würden immer mehrere grosse Glocken mit einem Gesamtgewicht von einigen Tonnen für verschiedene Länder gegossen

Glockengiessen zur Sterbestunde Jesu
Traditionell werden diese am Freitagnachmittag um 15 Uhr gegossen, als Erinnerung an die Sterbestunde Jesu. Zu Beginn feuern die Arbeiter den 200-jährigen Holzflammofen mit trockenem Fichtenholz an, der nur bei grossen Glockengüssen verwendet wird. In diesem schmelzen bis zu zehn Tonnen Bronze bei einer Temperatur von 1100 Grad. Danach fliesst die flüssige Bronze in die Gussformen, während die Giessöffnung mit Holzkohle abgedeckt wird. Und fertig sind sie, die zwei Glocken, mit einem Gesamtgewicht von jeweils 255 beziehungsweise 181 Kilo.

Dezibel werden reduziert
Im Mai oder Juni, so ist es geplant, sollen die Glocken aufgehängt werden. Im Rahmen eines traditionellen Glockenaufzuges, mit vielen Zuschauern und Interessierten. Ob dies klappen wird, hängt einmal mehr von Corona ab. Urs Brunner zeigt sich glücklich, dass das Projekt sein Ende findet. «Die neuen Glocken sind eine Bereicherung für unsere Gemeinde», konstatiert er. «Sie haben unterschiedliche Klänge, können auch einzeln angesteuert werden.» Bei einem Trauergottesdienst etwa würde die Glocke mit dem dumpfen Ton läuten, bei Hochzeit hingegen das Tedeum, alle drei, die einen fröhlichen Tonfall hätten.

Das Glockengeläute wird nicht lauter sein als zuvor. Im Gegenteil. Da die drei Glocken kleiner sind als die bisherigen und anders aufgehängt werden, kann bei der Lautstärke die Dezibel-Zahl sogar um zehn Prozent reduziert werden. Die Gesamtkosten für das Glockenprojekt betragen 125 000 Franken. 100 000 Franken stammen aus dem Legat. Die restlichen 25 000 Franken wurden durch den Grossen Kirchenrat der Kirchgemeinde Luzern bewilligt. Ursprünglich waren 142 000 Franken vorgesehen, bei denen auch Schallleiter-Jalousien vorgesehen gewesen wären. Diese werden nicht installiert.

Carmen Schirm-Gasser