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Kultur

Dirigent ohne Chor

02.03.2021
Lukas Bolt würde gerne wieder Chöre und Orchester klingen lassen. Doch im Moment stimmt der Dirigent nur online an.

«Zwischen Himmel und Erde» hiess der Titel des letzten grossen Konzertes, das Lukas Bolt vergangenen September in der St. Galler Tonhalle dirigierte. Der Titel hätte kaum treffender sein können. Irgendwo dazwischen fühle er sich, sagt Bolt. Himmlisch, wenn er seine Sängerinnen und Sänger wieder sehe oder mit der Familie draussen sei, eher irdisch, wenn es um Schutzkonzepte oder Ausgleichszahlungen gehe.

Atemübung am Bildschirm

Lukas Bolt ist Kantor der Kirchgemeinde Tablat St. Gallen. Als musikalischer Leiter der Gemeinde dirigiert er gewöhnlich drei Chöre und ein Orchester, lädt zum offenen Singen oder zur Gemeindesingwoche. Daneben führt er zwei weitere Chöre sowie verschiedene Chor- und Orchesterprojekte. Entsprechend einschneidend war für ihn das vergangene Jahr. Chor- und Orchesterproben fanden im ersten Shutdown nicht mehr statt, dann nur noch unter erschwerten Bedingungen, und inzwischen darf gar nicht mehr gesungen werden.

 

«Als Dirigent ist es deine Aufgabe, dein Umfeld zum Klingen zu bringen. Da ist es  schwierig, wenn  Chor und Orchester fehlen.»

 

Zumindest nicht in Gemeinschaft. Rasch habe er auf Online-Angebote umgestellt, erzählt Bolt. Geprobt wurde fortan am Bildschirm. Um einer digitalen Kakophonie zuvorzukommen, mussten alle ihr Mikrofon ausschalten und er führte durch Einsing-, Technik- und Atemübungen. «Gerade die Älteren schätzen diese Proben und das regelmässige Wiedersehen», sagt Bolt. So sehr, dass sie inzwischen ab und an einen Lottomatch spielen oder jemand einen Vortrag zu seinem Hobby hält.

Schutzkonzept entwickelt

«Als Dirigent ist es deine Aufgabe, dein Umfeld zum Klingen zu bringen», sagt Lukas Bolt. «Da ist es schon schwierig, wenn schlicht Chor und Orchester fehlen.» Gleichzeitig verstehe er auch, dass im Moment der gemeinsame Gesang verboten ist. Denn Studien zeigten, dass sich beim Singen die Infektionsgefahr erhöhe. Zwar könne diese durch passende Schutzkonzepte deutlich reduziert werden. Doch seien die Konzepte strikt umzusetzen. Bei letzteren kennt sich Bolt inzwischen aus. Als Mitglied der Musikkommission der Schweizerischen Chorvereinigung entwickelte er das nationale Schutzkonzept für Chorgesang mit. Das sei zwar wichtig gewesen, doch mühsam – etwa der Umgang mit Politik und Behörden, welche die Kultur oft aussen vor liessen. Nach solchen Verhandlungen brauchte er jeweils einen himmlischen Moment, etwa eine Runde mit der ganzen Familie um den Mezlenwald. Und inzwischen sehe er auch wieder einen musikalischen Silberstreifen am Horizont. Er glaube, dass es, sobald die Temperaturen wieder etwas in die Höhe klettern, wieder möglich sei, vorsichtig mit dem Probebetrieb zu starten. «Und vielleicht gibt es am Bettag ein erstes Konzert.»

Text | Foto: Andreas Ackermann – Kirchenbote SG, März 2021

 

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