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Kirche

«Die interreligiöse Lunge für die religiöse Landschaft Zürichs»

Das Zürcher Lehrhaus feiert diesen Herbst sein 20-jähriges Bestehen. Seit zwei Jahrzehnten setzt das Lehrhaus auf interreligiöse Begegnung und Dialog.

Gratulation, Herr Ernst, 20 Jahre Zürcher Lehrhaus. Ihr Institut ist Pionierin in Sachen interreligiöser Dialog. Wie kam es dazu? 
Dahinter steht das Engagement meines Vorgängers Martin Cunz. Er war reformierter Pfarrer, Judaist und hatte die Vision, einen Ort zu haben, wo Juden und Christen voneinander und miteinander lernen, ohne Konversionsabsichten. Ermöglicht wurde dies der Stiftung für Kirche und Judentum durch die Schenkung des Hauses 1993 an der Limmattalstrasse. Zusammen mit Michel Bollag hat Cunz dort erste Kurse durchgeführt.

Und die Idee funktionierte? 
Und wie! Da waren 30 Teilnehmer, vorwiegend Christen, die zusammen das erste Buch der Bibel lasen, mit einer jüdischen Brille. Die wichtige Erfahrung war: Jüdische Auslegung ist reich, eröffnet neue Perspektiven und stellt andere Fragen.

Spätestens seit dem 11. September ist der Islam in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Und Vorurteile gegenüber Muslimen.
Das Lehrhaus hatte bereits früher islamische Themen. Unter dem jetzigen Präsidenten Karl Zimmermann, der Ende der 90er-Jahre Begegnungsveranstaltungen zwischen Christen, Juden und Muslimen organisiert hatte, wurde dann mithilfe der Paul Schiller Stiftung der Bereich Islam systematisch ausgebaut. Dies war nötig, weil man dem Islam gegenüber ähnlich feindliche Muster entwickelte, wie man sie vom Antisemitismus her kennt.

Waren diese Begegnungen einfach? 
Dialog ist nie einfach. Eine der Gefahren dabei ist, dass die Mehrheitskultur das Thema diktiert. Wieso aber sollten Muslime Interesse an der Kopftuchfrage haben? Vielleicht wollen sie lieber etwas über Jesus im Christentum erfahren. Wollen wissen, weshalb er am Kreuz sterben musste. Oder was Christen unter Erlösung verstehen. Es sind Fragen, die auch viele Christen beschäftigen. Dabei gilt es das unterschiedliche Niveau der Reflexion zu beachten.

Wie meinen Sie das? 
Leider können Muslime in der Schweiz bisher keine islamische Theologie studieren. Deutschland ist in diesem Punkt viel weiter. Ich hoffe, dass das geplante Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Uni Fribourg zu einer islamischen Fakultät ausgebaut werden kann. Freilich müssten sich dann die Universitäten gemeinsam dafür engagieren und nicht wie heute mit der Errichtung eigener Lehrstühle gegenseitig das Wasser abgraben. 

Können Christen, trotz theologischen Niveauunterschieden, von Muslimen lernen? 
Absolut! Eines meiner schönsten Erlebnisse war eine Veranstaltung in der Kirchgemeinde Höngg, an der Juden, Muslime und Christen die Lebenszyklus-Rituale der anderen kennenlernten. Tief beeindruckt war ich, als es um den Umgang mit dem Tod ging. Die Muslime haben einen unglaublichen Reichtum an Ritualen zum Abschied von Toten. Wie arm wirkte dagegen die christliche Seite. An dem Abend wurde es sehr persönlich, bei vielen brach etwas auf. Und das Bewusstsein entstand, dass wir Trauerrituale aus unserer christlichen Tradition wiederentdecken sollten. Das war eine Begegnung auf Augenhöhe. 

Gibt es auch Konkurrenz in Bezug auf Geldgeber? 
Die gibt es. Die finanziellen Mittel sind knapp. Und weil heute auch die Universitäten immer mehr Gelder von Stiftungen eintreiben müssen, sind die finanziellen Mittel ein Dauerproblem. Das zwingt uns, mit möglichst vielen Organisationen zu kooperieren. Neu ist einzig, dass man bei der Akquirierung von Geldern das Wort Religion gebrauchen darf, was früher kaum möglich war. 

Ab 2016 wird aus dem Zürcher Lehrhaus das Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog. Warum der Namenswechsel? 
In erster Linie, um den Dialog im Namen zu tragen. Der Name Lehrhaus ist zu erklärungsbedürftig. Der neue Name dokumentiert unser Tun besser. Und in Zukunft, so hoffe ich, werden wir auch mit Buddhisten und Hindus zusammenarbeiten. 

Apropos Neuausrichtung. Der geplante Umzug des Lehrhauses in den Kulturpark an der Pfingstweidstrasse ist auf Eis gelegt: Die beiden Bauherren, der Kulturpark-Initiator Martin Seiz und die katholische Kirche liegen im Streit. 
Sehr unerfreulich. Ich hoffe auf eine aussergerichtliche Einigung. Der Kulturpark wäre eine grosse Chance für den Dialog. Er könnte so etwas wie die interreligiöse Lunge für die religiöse Landschaft Zürichs und darüber hinaus werden. Es wäre sehr schade, wenn diese Chance nicht genutzt würde. Aber vorerst freue ich mich auf die vielen Veranstaltungen, mit denen wir unser 20-jähriges Bestehen feiern.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: Geschäftsleiter Hanspeter Ernst und die Dozenten Michel Bollag und Rifa'at Lenzin vom Zürcher Lehrhaus.

 

Susanne Leuenberger / ref.ch / 18. August 2015

 

Links:
Website des Lehrhauses
Hintergrund zum Konflikt im Kulturpark