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Religionen

Josef, die erste Transperson der Bibel

25.08.2021
Weshalb warfen seine Brüder den biblischen Josef in einen Brunnen? Weshalb verleumdete ihn die Frau des Potifar? Der Grund: Er trug Frauenkleider.

Wir kennen ihn alle, den Josef aus der Genesis. Ich jedenfalls kannte seine Geschichte seit der Sonntagschule. Ich verstand jedoch nie, wieso seine Brüder ihn so hassten, dass sie ihn als Sklaven verkauften, wieso sie ihn mit so viel Brutalität demütigten. Und wieso Josef später die Avancen der Frau seines ägyptischen Besitzers, Potifar, offenbar so brüsk zurückwies, dass diese Josef aus gekränkter Eitelkeit beschuldigte, sie vergewaltigt zu haben. Diese Geschichten wollten einfach keinen Sinn ergeben.

Josefs Rock ist ein Frauenkleid

Josef erhielt das Kleidungsstück, das der Zündfunke war für die Hassexplosion seiner Brüder, von seinem Vater. In traditionellen Bibelübersetzungen wird von einem «bunten» oder «vielfarbigen Rock» gesprochen. Was aber sollte das sein und wieso sollte dieses Gewand solchen Anstoss erregen?

 

Der Bruder war trans und das gefährdete – damals wie heute – heterosexuell identifizierte Männer in ihrem Mannsein, macht aus liebevollen Brüdern plötzlich gewalttätige Schläger, ja Mörder.

 

Den Schlüssel, diese Figur und diese Geschichte zu verstehen, gaben mir jüngste Interpretinnen und Interpreten der hebräischen Bibel: Der Ausdruck, mit dem Josefs Rock auf Hebräisch beschrieben wird, lautet (in Umschrift) «kethoneth passim» und benennt – und jetzt kommt’s – das Kleid einer Königstochter, einer nicht verheirateten Prinzessin. Das Wort wird nur in diesem Sinn in der hebräischen Bibel benutzt.

Josef, der Auserwählte des Ewigen, der das Schicksal der Stämme Israels wendete, er trug also Frauenkleider. Josef, der nachmalige Vizekönig der antiken Weltmacht Ägypten: Er war also trans, mindestens cross dresser. Und plötzlich ergibt der unglaubliche Hass der jungen Männer aus dem Nahen Osten auf ihren offenbar «anderen» Bruder Sinn: Der Bruder war trans und das gefährdete – damals wie heute – heterosexuell identifizierte Männer in ihrem Mannsein, macht aus liebevollen Brüdern plötzlich gewalttätige Schläger, ja Mörder. 

Aktuelle Zahlen des «trans-murder monitoring project» innerhalb des international tätigen Netzwerks Transgender Europe weisen allein für 2020 weltweit 350 transphobe Morde aus. Die Spitze eines Eisberges, wie man sich vorstellen kann. Und die meisten dieser Gewalttaten passierten – neben dem Umfeld rund um Drogen und Prostitution – innerhalb der Familie, insbesondere in traditionell machoid geprägten Kulturen und Ländern Afrikas, des Nahen und Fernen Ostens oder Südamerikas. 

Er passte nirgends und niemandem

Dass Josef aller Wahrscheinlichkeit nach der erste Trans-Charakter der Bibel ist, passte natürlich auch nicht ins Männerbild traditioneller Bibelgelehrsamkeit, nicht in die Interpretationsmuster von Sonntagschule und Sonntagspredigt, nicht in die sogenannte «christliche» Tradition, und schon gar nicht ins Menschenbild der «Gläubigen». Josef passte schlicht nirgends und niemandem. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, wurde die korrekte Übersetzung unterschlagen, so wie die Apostelin Junia im Römerbrief zu einem Junias mutierte. 

Josefs wahre Geschichte gibt allen Mut, die sich mit denjenigen identifizieren, die am Rande stehen. Josef könnte nicht nur für Transmenschen ermutigend sein, sondern auch für alle, die in ihrer Geschlechtsidentität wandern, suchen oder gefunden haben; für alle, die anders leben und lieben, für alle, die Gewalt erfuhren und erfahren, schlicht, weil sie augenfällig nicht mit der Mehrheit identisch sind. Ihnen allen sagt der Josefsmythos: Der Ewige, die Liebende, die Gottheit Israels und Jesu gibt Schutz und einen sicheren Ort für Josef, Josefa oder Jo!

Text: Frank Lorenz, Pfarrer der Offenen Kirche Elisabethen, Basel | Foto: Städel Museum, Frankfurt a. M. – Kirchenbote SG, September 2021

 

Mit Label

Als erste religiöse Institution ist die Offene Kirche Elisabethen (OKE) in Basel im Juni 2021 mit dem Swiss LGBTI Label (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell/transgender und intersexuell) ausgezeichnet worden. «Es ist ein Qualitätssiegel dafür, dass wir uns innerbetrieblich, aber auch mit unseren Angeboten und Grundsätzen für die Gleichberechtigung von LGBTI-Personen einsetzen» heisst es seitens der OKE. Sie engagiert sich für die LGBTI-Community seit 28 Jahren.

 


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