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Politik

«Erkennt ihr’s denn nicht?»

25.08.2021
Zu Worten des Propheten Jesaja hat die St. Galler Kirchenrätin Antje Ziegler das diesjährige Mandat für den Bettag am 19. September verfasst. Sie bedauert den totalen Verlust eines christlichen Wertes: der Wahrheit.

«Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.» (Jes 43,18-19)

Die Pandemie bleibt bei niemandem ohne tiefgehenden Eindruck. Sie hat uns in Atem gehalten, ausser Atem oder zum Stillstand gebracht. Ich hatte das Glück, weiterarbeiten zu dürfen. Das half über die Zeit der ersten Ungewissheit hinweg. Ich hatte aber auch mehr Musse und Zeit für Spaziergänge, Familie und Medienkonsum. Interessiert verfolgte ich den amerikanischen Wahlkampf 2020 und die verbalen und sonstigen Eskapaden des damaligen Präsidenten Trump. 

Verlust von christlichen Werten

Was wir da erlebten und immer noch erleben müssen, ist der totale Verlust von christlichen Werten; und von etwas im besonderen Masse: der Wahrheit. Das Erfinden von Lügengeschichten passt gut in einen Märchenabend, wird aber nun offenbar salonfähig für alle Gelegenheiten, insbesondere in der Politik. Es geht nicht mehr darum, wer die besseren Argumente hat, sondern wer die spannenderen Geschichten erzählt. Storytelling im schlimmsten Gewand. Der frappierende Verlust der Wahrheit und der Siegeszug des schamlosen Lügens gipfelte am 6. Januar 2021 im Sturm auf das Capitol in Washington. Ich habe an diesem Abend vor dem Bildschirm geweint. Geweint um den vermutlich irreversiblen Verlust der Wahrheit, der Toleranz und der Versöhnung.

Menschen leisten Götzendienst

Als dann auch noch eine goldene Statue von Donald Trump in patriotischen Shorts am Kongress der Konservativen auftauchte, waren die Parallelen nicht mehr zu übersehen: Hier leisten Menschen Götzendienst. Wie schön wär’s, wenn in solcher Situation ein Moses auftauchen und den rechten Pfad weisen würde! Aber das muss wohl bei einem selbst beginnen. Jesaja sagt: «Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige. Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?» Corona hat manches Frühere beendet, aber auch Neues geschaffen. Wir alle haben gespürt, wie sich Prioritäten in der Zeit des Lockdowns verändert haben. Die Verbundenheit mit andern Menschen ist wichtig und beglückend. Nicht Spaltung, Machtdenken und Egomanie führen zur Heilung, sondern Wahrheit, Versöhnung und Liebe.

Und so können wir erneuert und dankbar zurückfinden, als Überlebende der Pandemie, und erkennen, was wahr und wichtig ist: das behutsame und wahrhaftige Berühren des Mitmenschen. Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist ein guter Anlass dafür.

Text: Antje Ziegler, St. Gallen | Karikatur: Lisette Brodey auf Pixabay – Kirchenbote SG, September 2021


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