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Gesellschaft

Gestrandet am Flughafen? Pfarrer Meier hilft

KLOTEN ZH. Am Flughafen Zürich herrscht derzeit Hochbetrieb. Was bedeutet das für den reformierten Flughafenpfarrer Walter Meier? Besuch bei einem, der die Ruhe nicht verliert.

«Hakuna matata» tippt Walter Meier in sein Handy, ein Begriff aus der Swahili-Sprache. Er bedeutet «kein Problem» und ist den Menschen geläufig, die am Flughafen arbeiten. Meier schreibt ihn einem Swiss-Piloten, der mit seiner Familie zu einem Taufgespräch kommen wird, sich aber verspätet hat. 
Meiers Büro befindet sich auf einer Galerie über dem Check-in 1, wo gerade ein unglaubliches Gewusel herrscht: Hunderte Menschen mit Gepäckstücken jeder Art warten, sitzen, rennen und verknäueln sich unter der grossen Anzeigetafel mit den Abflügen. Eine Alarmanlage geht irgendwo ab und hallende Lautsprecherdurchsagen vervollständigen das Tohuwabohu. 

Die Mittagsspitze
«Das ist die Mittagsspitze», kommentiert Meier trocken. Der Zwei-Meter-Mann lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen, und tatsächlich sind die Ferien für den Seelsorger keine besondere Zeit. «Wir sind hauptsächlich eine Betriebsseelsorge, am Flughafen arbeiten 25'000 Menschen», sagt er. 
Mit den Passagieren habe man eher wenig Kontakt. In der Hochsaison könne er für das Personal aber auch nicht viel tun, die leisten dann Schwerarbeit. Auf seinen Rundgängen, die immerhin vermehrt stattfänden, könne er ihnen höchstens zuwinken. «Sie tun mir manchmal leid. Sie müssen im grössten Chaos Haltung bewahren und auch ausfällige Passagiere stoisch ertragen», sinniert Meier. 

Die Zeitrechnung nach Katastrophen
In seinem Büro, einem Provisorium, lagern Pet-Mineralflaschen, Flugzeugmodelle künden von der grossen weiten Welt, eine Klimaanlage steht ungenutzt da, Schutzwesten hängen an der Wand, und eine Büste von Niklaus von Flüe steht auf einem Korpus. Meier, Jahrgang 1952, ist ein alter Hase im Geschäft. 1997 wurde das ökumenische Pfarramt geschaffen, und der Pfarrer und frühere Flight Attendant ist seit Beginn dabei. Er unterteilt die Zeit in Katastrophen: 1997 Luxor-Attentat, 1998: Halifax-Absturz, 2000: Absturz in Nassenwil, 2001: 9/11, Swissair-Grounding und Absturz in Bassersdorf, 2002: Überlingen-Kollision, 2004: Ermordung des Fluglotsen. Und vor wenigen Monaten der Germanwings-Absturz. 
Da war er allerdings im Spital, weil er sich beim Skifahren einige Knochen gebrochen hatte. Und vor wenigen Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Seitdem raucht er nicht mehr, aber die Lust nach dem ersten Zug einer Zigarette, die hat er immer noch. 

Die «Hilfskasse»
Das Handy klingelt. «Ja, ich komme in zehn Minuten zur Kapelle», sagt Meier zum Anrufer und erläutert: «Ein Migrant, der am Flughafen gestrandet ist, braucht Hilfe. Er kommt aus Ungarn, hat keinen Job gefunden und ist mittellos.» Meier wird ihn mit einem Freund telefonieren lassen und einen Essensgutschein geben, finanziert aus der «Hilfskasse», die sich aus Spenden und dem Kerzenverkauf alimentiert. 
Gestrandete aller Art – ein Hauptbetätigungsfeld für den reformierten Flughafenseelsorger. Kürzlich sei eine fünfköpfige Schweizer Familie nach Jahrzehnten Auslandsaufenthalt mittellos in der Schweiz zurückgekommen. Meier musste zuerst herausfinden, welches Amt überhaupt dafür zuständig ist, und sie dann via Taxi ins Klotener Sozialamt bringen. 

«Pastoral of the minute»
Zeitgleich sei ein Anruf des Flughafens gekommen: Auf einem Flug von Katar, der bald in Zürich landen werde, sei jemand gestorben. Ob Meier kommen könne. Er konnte nicht, aber er musste dann den wartenden Angehörigen die Todesnachricht überbringen. «Es war nicht das erste Mal, dass ich so etwas tun musste. Man darf dann nicht um den Brei herumreden.» Er betreute die Angehörigen, bis sie die verstorbene Person nach Stunden nochmals am Flughafen sehen konnten. Seine Arbeit sei oft eine Mischung aus Seelsorger und Sozialarbeiter, sagt Meier. 
Nun geht Meier zur ziemlich versteckten Flughafen-Kapelle, wo der Mann aus Ungarn wartet. Die Kapelle ist offensichtlich ein Provisorium, Stimmung will hier nicht recht aufkommen. Unterdessen ist auch die Mittagsspitze im Check-in 1 gebrochen. Und Meier wird wohl doch noch mit dem einen oder anderen Angestellten reden können – «Pastoral of the minute», wie es in der Sprache der Flughafenseelsorger so schön heisst. 




Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: Flughafenseelsorger Walter Meier in seinem Büro.

 

ref.ch/Matthias Böhni