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Spiritualität

Gott ist wie eine Hebamme

22.09.2021
Die Kirchengeschichte ist geprägt von einer männerzentrierten Denkweise. Die feministische Theologie legt diese Einflüsse offen. Über Prophetinnen, Apostelinnen und weibliche Gottesbilder.

Feministin und Theologin – geht das zusammen? Immer wieder stosse ich auf verwunderte Gesichter, wenn mein Engagement im Vorstand der IG Feministische Theologinnen zur Sprache kommt. Lange dachte ich: Ich glaube nicht genug und hinterfrage zu viel, um mich als Christin zu bekennen. Aber dann las ich feministische Texte, in denen Theologinnen meine Fragen stellten, meine Zweifel benannten und theologische Grundannahmen mit ihren Erfahrungen im Leben verbanden. Sie ermutigten mich, zu meinen Glaubensüberzeugungen zu stehen.

 

Dank der feministisch-theologischen Forschung wissen wir, dass Frauen die Jesusbewegung aktiv mittrugen.

 

Feministische Theologie geht davon aus, dass unsere Lebenserfahrung Einfluss darauf hat, wie wir denken, fühlen und glauben: Woher wir kommen, welchem Geschlecht wir uns zugehörig fühlen, in welchem gesellschaftlichen Umfeld wir uns bewegen.

Prophetin Hulda, Apostelin Junia

Feministische Theologinnen haben biblische Frauen wiederenteckt, die über Jahrhunderte kaum Beachtung fanden. So etwa die Prophetin Hulda (2Kön 22,8), die in der Geschichte im Buch Könige eine Schlüsselrolle spielt. Das stärkt das Selbstbewusstsein vieler Frauen. Die Art und Weise, wie Frauen in biblischen Texten namenlos als Tochter, Frau oder Mutter am Rande erwähnt werden, schärft das Bewusstsein für die männerzentrierte Denkweise, von der die jüdisch-christliche Tradition geprägt ist. Diese Denkweise zieht sich durch die Kirchengeschichte hindurch. Ein Paradebeispiel ist die Apostelin Junia (Röm 16,7). Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde sie als Mann namens Junias dargestellt. Die Übersetzer konnten sich eine Frau in diesem Amt nicht vorstellen.

Weibliche Gottesbilder

Dank der feministisch-theologischen Forschung wissen wir heute, dass Frauen die Jesusbewegung aktiv mittrugen und auch Leitungsaufgaben übernahmen. Feministische Theologinnen erforschen die Vielfalt biblischer Gottesbilder. In Liedern und in Gebeten im Gemeindealltag kommen fast ausschliesslich männlich geprägte Gottesbilder zur Sprache. Dabei gibt es in der Bibel auch weibliche Gottesbilder: Das Bild einer Vogelmutter zum Beispiel, die ihre Flügel schützend über ihre Jungen hält (Ps 57,2), oder das Bild einer Hebamme, die den Start in ein neues Leben unterstützt (Ps 22,10). Weitere Bilder wie Geistkraft, Weisheit, Ewigkeit oder Liebe können neue Glaubensräume öffnen.

Im Alltag achte ich auf eine gendergerechte Sprache. Ich versuche, zum Beispiel bei einem Taufgespräch, offene Fragen zu stellen und nicht einfach von traditionellen Rollenbildern auszugehen. Wenn andere davon ausgehen, mache ich sie oft mit Humor darauf aufmerksam. Bewusst predige ich zu Bibeltexten und biblischen Figuren, die wenig bekannt sind.

Als feministische Theologin will ich so dazu beitragen, Schritte in Richtung Gleichberechtigung zu gehen, um damit ein selbstbestimmtes Leben in Fülle zu fördern und das zu leben, wofür die Jesusbewegung einstand

Text: Tina Bernhard-Bergmaier, Pfarrerin, Gossau-Andwil | Fotos: MarsBars, iStock / zVg – Kirchenbote SG, Oktober 2021

 


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