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Wirtschaft

Schatten des Krieges persönlich erlebt

27.05.2022
Karin Kaspers Elekes hat bewegende Szenen an der Grenze zur Ukraine erlebt. Nicht über alles kann sie schreiben – zum Schutz ihrer Freunde aus der Kirchgemeinde in Transkarpatien. Trotzdem: Der Kirchenbote öffnet wieder einmal einen etwas anderen Blick ins Kriegsgebiet – aus dem Blickwinkel der wortgewandten Pfarrerin aus dem Thurgau, der zum Teil die Worte fehlen.

1300 Kilometer – ein weiter Weg für Menschen, die in der Ukraine vor den kriegsführenden Truppen im Osten in den Westen des Landes fliehen. Er führt nicht immer direkt ins Ausland. Viele warten im Westen, wo sie auch von den reformierten Kirchgemeinden aufgenommen werden, auf das erhoffte Ende des Krieges. Nun werden die Güter des täglichen Bedarfs knapp.

Erfahrung einer Begegnung
Dem Kirchenboten liegt ein Dankesbrief an Menschen aus der ungarischsprachigen Minderheit in der Ukraine vor (Briefauszug siehe Kasten). Auf den ersten Blick sind sie persönlich. Auf den zweiten aber sind sie ein Zeugnis von aus dem Osten der Ukraine Geflüchteten; es widerspricht dem Misstrauen, ja der Feindschaft, dem die ungarischsprachige reformierte Minderheit in der Ukraine augenblicklich noch zunehmend ausgesetzt ist. Nationalistische Kreise in der Ukraine kündigen öffentlich in Presse und Internet an, «mit ihnen abrechnen zu wollen», wenn der Krieg vorbei sei – eine doppelt schwierige Situation für die, die dort im Westen des Landes über alle Massen solidarisch sein möchten. Die Lage spitzt sich auch in der Westukraine zu. Die Preistafeln an den Tankstellen zeigen immer häufiger: 0000. «Kein Benzin. Kein Diesel», erzählt Anna, die wir gerne zusammen mit ihrem Mann diesseits der Grenze in Ungarn getroffen hätten. Unmöglich! Die Grenze ist für Männer unter 60 Jahren unüberwindbar. Anna erzählt von Preissteigerungen in allen Lebensbereichen. «Sorgen bereitet auch die Landwirtschaft. Saatgut haben wir unter anderem als Hilfe aus Ungarn bekommen. Aber die Traktoren fahren nur mit Diesel...» Lebensmittel werden immer knapper. «Was es noch gibt, wird immer teurer. Und die Löhne werden gekürzt. Die Lehrer haben bereits 30 Prozent ihrer Lohnzulagen und die Hälfte ihres Jahresurlaubs hingeben müssen», erfahren wir.

Lächeln trotz Müdigkeit
Resignation bleibt nicht aus. Auch die Zahl der aus der reformierten Minderheitenkirche emigrierenden Kirchbürger steigt weiter. Die Pfarrpersonen und -familien in den reformierten Kirchgemeinden sind treu damit besorgt, die Zurückbleibenden zu betreuen. «Das Evangelium ist eine grosse Kraft», sagt auch Anna und lächelt müde. Ein Lächeln gegen die Angst und die Schlaflosigkeit so vieler Nächte. «Jetzt werden die privaten Vorräte der Familien zunehmend knapper», setzt sie nachdenklich hinzu. Die Unterstützung auch aus der Schweiz wird für die Existenz der Menschen in den reformierten Kirchgemeinden und ihre derzeit Schutzbefohlenen noch einmal wichtiger als in Friedenszeiten. «Zu spüren, dass wir nicht allein sind, dass Menschen für uns beten und mit uns auf den Frieden hoffen, gibt Mut – auch bei langem Bombenalarm in der Nacht.»

Spendenaufruf: Am 19. Juni ist Flüchtlingssonntag. Das Hilfswerk der Evangelischen- reformierten Kirche Schweiz (Heks) ruft zu Solidarität und Nothilfe für Menschen in und aus der Ukraine auf. www.heks.ch

 

(Karin Kaspers Elekes)

Dankesbrief eines ukrainischen Flüchtlings

Ein Flüchtling aus dem Osten der Ukraine, der später ins Ausland weiterreist, schreibt an Menschen, die ihm und seiner Familie in der Westukraine ein Dach über dem Kopf gegeben haben: «In die Ukraine ist der Krieg eingezogen, in eine der friedvollen Kornkammern Europas. (...) Städte sind zerstört, Dörfer, Kirchen, Kindergärten. Die Zukunft, die Ausbildung, die Freude hat er den Kindern genommen. Der Seelenfrieden der Älteren und die Sicherheit der Familien ist dahin. In dieser schwierigen Zeit war es eine ganz besondere Erfahrung, von Herzen kommende Unterstützung zu erleben und die zerrissene Seele wärmen zu dürfen und so den Glauben an das Gute, an den Frieden und an herzliche Liebe wiederzufinden. (…) In ganzer Breite haben wir die Unterstützung der europäischen Länder, vor allem Ungarn, erlebt. Die selbstlose, fürsorgliche Hilfe wird in allem spürbar. (...) Die humanitäre Hilfe lassen sie uns überlegt und wie benötigt zukommen.»


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