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Leben & Glauben

Gastfreundschaft als urtümlichste Form des Dialogs

Vom Gast zum Geber

01.01.2016
Die Angst vor dem Fremden führt zu verschlossenen Türen. Die biblische Besinnung, zeigt, dass es auch anders geht.

Im Osten kennt man den schönen Brauch, zum Weihnachtsfest ein Gedeck mehr aufzutragen. Es erinnert daran, dass Jesus Christus als Gast gekommen ist und jederzeit wieder vor unserer Tür stehen könnte. Ein Gedeck mehr signalisiert die Bereitschaft, ihn hereinzubitten. Auch wenn es ungebraucht bleibt, öffnet es als Platzhalter des Fremden das Bewusstsein dafür, dass man auch in trauter Tischgemeinschaft die Offenheit für den unerwarteten Besucher bewahren soll.

Versöhnte Tischgemeinschaft
Wo der Gast am Tisch sitzt, kann Überraschendes geschehen. Im Haus des Zachäus wurde Jesus unvermittelt zum Gastgeber, der durch sein Dasein den Hausherrn dazu bewegte, einen versöhnten Umgang mit seinen Mitmenschen zu suchen. Dadurch, dass sich Jesus einladen lässt, begibt er sich in die Obhut von Menschen, die durchaus zwielichtige Gestalten sind. Doch Jesus macht die Trennung zwischen Heiligen und Sündern nicht mit. Er hat auch schon die Schranke zwischen Israeliten und Samaritanern, zwischen In- und Ausländern durchbrochen. In seinen Augen haben alle den Zuspruch Gottes nötig und stehen in Verantwortung vor dem Himmlischen Vater – einer Verantwortung, der sie selten genug gerecht werden.

«Zachäus, komm schnell herunter, ich muss heute dein Gast sein!»                     Lukas 19, 5.

Die Angst vor dem Fremden hat immer schon zu verschlossenen Türen geführt. Von dieser Angst befreit der fremde Gast, wenn man ihn einlässt. Heute kommen Fremde zu uns. Es sind viele. Ihr Dasein bereitet uns Mühe. Andere, die seit längerem unter uns leben, entwickeln sich zu Fremden. Sie setzen sich von den Werten ab, die unser Land zu einem wohlhabenden Ort
gemacht haben, wo viele in Frieden und Würde zusammenleben. Mit beiden – denen, die von aussen kommen und denen, die sich von innen her entfremden – müssen wir einen Umgang finden. Für uns Christen gibt es keine Alternative zur Gastfreundschaft, wenn wir nicht selber in Unmenschlichkeit verfallen wollen.

Werte teilen
Dabei geht es nicht darum, die eigenen Werte preiszugeben, im Gegenteil. Wir können und sollen mit den Gästen und den Entfremdeten aus unserer Mitte das teilen, was uns kostbar ist. Dazu gehört die befreiende Botschaft von Jesus Christus ebenso wie die Freiheit für Männer und Frauen, des eigenen Glückes Schmied zu sein. Dazu gehört die Solidarität mit den schwachen Gliedern der Gesellschaft, aber auch die Pflicht des Einzelnen, der Solidargemeinschaft zu dienen und nicht nur von ihr zu empfangen.

Gastfreundschaft ist die urtümlichste Form des Dialogs und wohl auch die effektivste. Diese  Gastfreundschaft lässt sich üben. «Chum zum Znacht» ist eine neue Initiative der St.Galler Kantonalkirche (siehe auch Seite 9). Sie schafft eine Plattform, auf der sich Einheimische und Flüchtlinge begegnen können. Gerade im Blick auf Weihnachten kann es durch diese Initiative geschehen, dass das zusätzliche Gedeck nicht ungenutzt bleibt. Vielleicht singen dann unter dem Tannenbaum Gastgeber und Eingeladene gemeinsam: 

«Sei mir willkommen, edler Gast! / Den Sünder nicht verschmähet hast / und kommst ins Elend her zu mir, / wie soll ich immer danken dir?» (RG 394.8  Martin Luther)

 

Text: Pfarrer und Kirchenrat Heinz Fäh, Rapperswil-Jona | Foto: as  – Kirchenbote SG, Dezember 2015


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