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Leben & Glauben

Wir reden in der Sprache des Wassers – Biblische Besinnung

Das Wasser des Lebens

12.07.2016
Wir surfen im Netz, leben in einer von Reizen überfluteten Welt, reiten auf der Welle mit oder tauchen ein ins Datenmeer: Ausdrücke des Wassers werden in unserer Sprache sehr oft benutzt. Auch die Bibel nutzt den symbolischen Gehalt des Begriffs.

«… Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr Durst habe …»
Johannes 4, 15

 

Über Wasser zu schreiben ist wie Wasser in den Rhein tragen. Wasser ist immer schon da. Wasser ist ein anderes Wort für Leben. Die Bibel weiss das und sagt, die Erde bestehe «aus Wasser und durch Wasser». Das Wasser kommt aus dem Wasserhahn und die Milch aus dem Supermarkt – das beschreibt in etwa die selbstverständliche Verfügbarkeit dieser Grundnahrungsmittel in der westlichen Welt. Was aber selbstverständlich scheint, ist schwer zu würdigen.

Internet und Jungbrunnen

Wasser ist auch in der Sprache schon da. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist die Beobachtung des Medienpädagogen Christian Doelker. Er stellt fest, dass wir im Umgang mit Medien dauernd in «wässriger Sprache» reden. Wir surfen im Internet, kämpfen gegen die Bilderschwemme, tauchen ins Datenmeer, während leise die Nachrichtenströme rieseln. Warum verwenden wir nicht die Bergsteiger- oder Aviatik-Sprache und sagen: Ich klettre im Internet? Ich fliege im Internet? Doelker gibt keine Antwort darauf. Er will uns helfen, nicht in der Flut der Reize zu ertrinken. Dazu empfiehlt er, Inseln anzusteuern. Anders gesagt: Der infoüberfluteten Welt den Rücken zu kehren und mit Gott allein zu sein. Das Beispiel zeigt, wie wir mithilfe des Wassers die Welt deuten.

Wasser hat zunächst die «eigentliche» Bedeutung als Element. Aber schon über die körperliche Wasser-Erfahrung sprechen wir in bildlicher Sprache, wenn wir sagen: «Ich fühle mich wohl wie ein Fisch im Wasser.» Seine grosse Interpretationskraft entfaltet das Wasser aber im bildhaften Bereich. «Wasser und Brot» sind die Nahrungsmittel, die es für das nackte Überleben braucht. «Stille Wasser gründen tief» weist auf das schwierige Ausloten der Seele hin. Wer vom Jungbrunnen spricht, hofft auf ewige Jugend.

Das Sinnwasser

«Wasser» deutet unser Leben, und darum ist es bildhaft. Symbole fügen Bedeutungen zusammen, so dass für uns Sinn entsteht. Die Sprache der Religionen ist zu grossen Teilen eine zeichenhafte Sprache. Das «lebendige Wasser», das die Frau aus Samaria in Johannes 4 gegen ihren Durst haben möchte, ist ein typisches Beispiel dafür. Jesus trifft die Frau an einem Brunnen. Aus einem Brunnen wird Wasser geschöpft, um den körperlichen Durst zu stillen. Aber Jesus zielt in dem Gespräch von Anfang an auf das Wasser ab, das die Seele nährt. Der russische Dichter Dostojewski schreibt: «Das ganze Geheimnis des Menschen besteht darin, dass, wenn er gegessen und getrunken hat, er sich den Mund wischen und fragen wird: Und was kommt jetzt?»

Wir Menschen brauchen noch eine andere Nahrung als die körperliche. Sonst vertrocknen wir. Was ist dieses «Wasser des Lebens»? Es ist das Wasser, das unseren Durst nach dem Sinn unseres Lebens, dem Sinn unseres Sterbens und dem Sinn des Darüberhinaus stillt. Man kann dieses Wasser nicht kaufen. Man kann dieses Wasser nicht bekommen, ohne selber berührt und verändert zu werden. Ein Symbol wie Wasser gibt zu denken. Christinnen und Christen glauben und erfahren, dass dieses Sinnwasser aus der Verbindung zu Jesus Christus fliesst. Manchmal sprudelt es, manchmal tröpfelt es.

 

Text: Daniel Klingenberg, Pfarrer, Wattwil | Foto: Anna-Frieda Mathis, St.Gallen  – Kirchenbote SG, Juli-August 2016