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Politik

Gedanken der St. Galler Kantonalkirche zur Frage: «Braucht Gott ein Haus?»

Gott braucht kein Haus, aber Menschen

15.09.2016
Für uns als St. Galler Kantonalkirche sind Kirchen in unseren Überlegungen immer noch wichtig. In Zeiten von zurückgehenden Finanzen kann man sich fragen, warum? Brauchen wir sie wirklich, um Kirche zu sein?

Fragt man Kinder, wo Gott wohnt, antworten sie oft: «In dem Haus mit dem grossen Turm, in der Kirche!» So ähnlich dachten Menschen in der Antike. Viel später entwickelte sich dann das Bild, dass Gott überall ist; dies antworten vor allem aufgeklärte Gläubige. Aber was ist dann das Besondere an einer Kirche? Wofür brauchen wir sie? Lohnt sich das noch, in der heutigen Zeit Kirchen zu erhalten?

 

Das Volk Israel trug seinen Gott als Nomadenvolk in einem Zelt mit sich. In den Steintafeln, die Mose am Berg Sinai entgegengenommen hatte, glaubten die Juden, war Gott ihnen besonders nah. Er war gegenwärtig in seinen Geboten. Deshalb baute das Volk Israel eine Truhe aus Holz, überzog sie mit Gold, legte die Steintafeln hinein und nannte sie «Bundeslade». Sie war der Garant für den Bund zwischen Gott und seinem Volk. David holte das Zelt, die «Stiftshütte», nach Jerusalem und Salomo liess einen prächtigen Tempel errichten. Sobald die Menschen sesshaft wurden, bauten sie also eine heilige Stätte für Gott. Dort, in dem Tempel, war Gott anwesend, dort wurde geopfert, und nur der Hohepriester hatte Zugang zum Allerheiligsten, und sogar ein «ewiges Licht» brannte im Tempel – ein Licht als Zeichen der ewigen Gegenwart Gottes. Und doch ist eine christliche Kirche etwas ganz anderes als ein Tempel. Sie ist eher so etwas wie die Synagoge, die Jesus ja auch kannte: ein Ort der Versammlung und des Gebets.

Die ersten Christen brauchten zudem noch gar keine Kirchen. Sie glaubten an das Wort Jesu: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Sie trafen sich in Wohnhäusern. Später, als die Christen mehr und die Häuser zu klein wurden, baute man Kirchen. Erst nach der «Konstantinischen Wende» (312), als das Christentum im römischen Reich Staatsreligion wurde, änderte sich der Kirchenbau. Die Kirchen wurden Repräsentationsbauten, mit denen die Christen ihr neues Selbstbewusstsein darstellen wollten.

Eine christliche Kirche ist also nur im übertragenen Sinn ein «Haus Gottes»? Gott ist in der Kirche nur insofern gegenwärtig, als Christen dort Gottesdienst feiern. Nach der Reformation betonte die katholische Kirche das Heilige, das Sakrale in ihren Kirchen, die evangelischen Kirchen waren eher Versammlungshäuser für Predigt und Belehrung. Diese Versammlungen finden in unseren Kirchgemeinden nun aber nicht mehr ausschliesslich in Kirchen statt.

«Der heilige Raum ist der fremde Raum, nur in der Fremde kann ich mich erkennen.»
Fulbert Steffensky, deutscher Theologe

 

 

Und doch sind Gotteshäuser anders als andere Häuser. Dies kommt schön in den Worten von Fulbert Steffensky zum Ausdruck. Er nennt es «den heiligen Raum, der die Sehnsucht birgt». Er sagt: «Der heilige Raum ist der fremde Raum, nur in der Fremde kann ich mich erkennen. Der Raum erbaut mich, insofern er anders ist als die Räume, in denen ich wohne, arbeite und esse. Ich kann mich nicht erkennen, ich kann mir selbst nicht gegenübertreten, wenn ich nur in Räumen und Atmosphären lebe, die durch mich selbst geprägt sind (…) Die Räume, die mich spiegeln – das Wohnzimmer, das Arbeitszimmer –, gleichen mir zu sehr. Der fremde Raum ruft mir zu: Halt! Unterbrich’ dich! Befreie dich von deinen Wiederholungen! Er bietet mir eine Andersheit, die mich heilt, gerade weil sie mich nicht wiederholt, sondern mich von mir wegführt. Kirchen heilen, weil sie nicht sind wie wir selber.»

Insofern lohnt es sich, Kirchen als Räume Gottes aufrechtzuerhalten, auch im Blick auf die Zukunft und in einer zunehmend säkularer werdenden Zeit.

 

Text: Kirchenratspräsident Pfarrer Martin Schmidt, Haag | Foto: meka  – Kirchenbote SG, Oktober 2016