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Gesellschaft

Innere Bilder erkennen, hilft der Psychiatrie-Seelsorge, den Patienten zu helfen und sie besser zu verstehen

Seelsorge als «bildgebendes Verfahren»

19.10.2016
Jeder Tag in der Psychiatrie ist randvoll von Begegnungen mit Menschen, die kämpfen und hoffen, die mutig sind, enttäuscht und zweifelnd.

Es sind Menschen, die in eine tiefe Blockade geraten sind oder umgekehrt keinerlei Grenzen mehr zu kennen scheinen, Menschen, denen Teile ihrer Persönlichkeit entgleiten oder die von Furcht gesteuert sind. Ich sehe Menschen, die früh etwas lernen mussten, das ihnen heute schadet und Menschen, die verzweifelt konsumierten, obwohl sie es nicht wollten.

Begegnung auf Augenhöhe

Ein beeindruckendes Team steht diesen Menschen zur Seite, medizinisch, pflegerisch, psychologisch, sozialarbeiterisch. Küche, Reinigung, Verwaltung und Haustechnik sind genauso wichtig. Auch die Seelsorge leistet ihren Beitrag und weist auf etwas ganz Besonderes hin, auf die spirituelle Dimension jeder einzelnen Biografie. Diese liegt zuweilen versteckt. Und doch erlebe ich sie als Bezugsrahmen, der ein Leben einbettet. Oder eingebettet hat! Denn seelische Störungen sind oft verbunden mit äusseren Krisen wie Trennung, Trauer oder Arbeitslosigkeit. Wenn aber Lebenspläne, die lange zu tragen schienen, zerbrechen, steht auch der Bezugsrahmen, der dem Leben Sinn gab, in Vollbrand. Ich finde, da zählt nur Begegnung auf Augenhöhe. Es ist ja ein Unterschied, mit Depressiven die Tiefe ihres Erlebens auszuhalten, statt sie mit flottem Trost zu verhöhnen.

Bilder verbinden Menschen

Manchmal fehlen mir dabei die Worte. Doch ich bleibe achtsam für die Bilder, die mir Patienten anbieten. Jenes vom Fluss etwa, der ins Stocken geraten ist, jenes vom stillen See, in dem sich ihr Leben spiegelt oder von der Quelle, die sie suchen. Diese Bilder verbinden Menschen, und sie knüpfen oft an uralte biblische Bilder an, die durch die Zeiten grosse Tragkraft bewiesen. C. G. Jung nannte sie Archetypen, also Muster, die unserem Handeln und Verhalten die Basis geben. Der Exodus gehört dazu, als Menschen die fetten, aber beengenden Fleischtöpfe verliessen und in die Wüste zogen. Was für ein Bild für den Mut zum Risiko, Leben neu zu lernen.

«Diese Bilder verbinden Menschen, und sie knüpfen oft an uralte biblische Bilder an, die durch die Zeiten grosse Tragkraft bewiesen.»

Ich denke auch an das Bild vom verborgenen Gott, dessen dunkle Seite ein Rätsel bleibt, und der sich darum so glaubwürdig in den Rätseln einer Biografie zu spiegeln vermag. Oder mir gerät ein Psalm vor Augen, der behauptet, Gott sei die Quelle des Lebens. Wenn das stimmte, wäre auch ein Suchtmittel entthront, das doch alle Macht an sich reisst. Ich habe dann schon Tränen gesehen. Solche Bilder wahrzunehmen, hat einen grossen Vorteil. Sie kommen nicht von aussen, sind nicht aufgepfropft und darum keine Zumutung. Sie sind bereits da und ruhen, zuweilen verborgen, im Gegenüber – wie auch im Seelsorger. Sie miteinander zu entdecken, ist also ein soziales Geschehen, etwas Dynamisches, etwas Inspirierendes. Es ist Leben im Hier und Jetzt.

Bild der Auferweckung

Ich betrachte Seelsorge darum, ein wenig augenzwinkernd, als bildgebendes Verfahren. Denn im Idealfall gelingt es ihr, im Dialog sichtbar zu machen, welche Erleichterung in der Seele ruht. Sie unterstützt ihr Gegenüber, diese Seelenbilder wahrzunehmen, zu wecken. Manchmal fühle sich das ein bisschen an wie Ostern, sagen mir Patienten, dieses tiefe Bild der Auferweckung.

 

Text: Reinhold Meier, Psychiatrie-Seelsorger und Journalist BR, Wangs | Zeichnungen: Christoph, Jasmin, Remo, Pascal  Kirchenbote SG, November 2016