News aus dem Thurgau

«Bis zuletzt dachte ich, sie wollen mir einfach nur Angst einjagen»

von Reinhold Hönle, Journalist BR, Baden
min
05.06.2023
Prix-Courage-Preisträgerin Natallia Hersche über den Mut und die Angst, die sie erlebte, als sie in Belarus bei einer Demonstration verhaftet und für eineinhalb Jahre inhaftiert wurde.

Sie sind mit dem Prix Courage des ¬ęBeobachters¬Ľ ausgezeichnet worden. Was finden Sie mutig?¬†
Natallia Hersche: Mutig ist, wenn man sich getraut, etwas zu √§ussern, das nicht der Meinung der Mehrheit oder der Machthaber entspricht. Ich habe mich noch nie gef√ľhlt, als ob ich der Mehrheit angeh√∂re.¬†

Sind Sie in allen Lebensbereichen mutig? 
Nein, ich kann auch √§ngstlich, leise oder sch√ľchtern sein. Wenn es um Herzensangelegenheiten geht, stehe ich jedoch f√ľr meine Anliegen und Ideale ein.

Woher haben Sie Ihre Courage? 
Ich habe kein bestimmtes Vorbild. Ich wehre mich f√ľr das belarussische Volk, das schon seit Jahrhunderten unterdr√ľckt wird. Fr√ľher von den Zaren, sp√§ter von den Kommunisten, die versuchten, unsere Kultur und Sprache und damit unsere Identit√§t zu vernichten. Erfreulicherweise kommt es wieder √∂fter vor, dass die Leute, speziell hochgebildete, gezielt Belarussisch sprechen.

Von Belarus an den Bodensee

Die belarussisch-schweizerische Doppelb√ľrgerin Natallia Hersche wurde 1969 in Belarus geboren. Die √Ėkonomin kam mit ihren beiden Kindern 2007 nach Appenzell, wo sie in zweiter Ehe einen Ostschweizer heiratete und sich in einer Brauerei von der Reinigungskraft zur Laborantin hocharbeitete. Nach der manipulierten Wiederwahl des belarussischen Pr√§sidenten Lukaschenko reiste sie 2020 nach Minsk und nahm an den Demonstrationen teil. Dort wurde sie festgenommen und zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach anderthalb Jahren kam sie frei und wurde nach ihrer R√ľckkehr mit dem Prix Courage des ¬ęBeobachters¬Ľ ausgezeichnet. Nach dem Tod ihres Ehemannes lebt sie heute mit ihrem Freund am Bodensee.¬† (rh)

Brauchte es auch Mut, Ihrer Heimat den R√ľcken zu kehren?¬†
F√ľr mich war es die einzige M√∂glichkeit, etwas f√ľr mich und meine zwei Kinder zu tun. Denn ich hielt es in Belarus nicht mehr aus, da sich √ľberhaupt nichts ver√§nderte.¬†

Engagierten Sie sich schon so, dass Sie sich nicht mehr sicher f√ľhlten?
Nein, ich beobachtete, wie die Bevölkerung auf die Entscheidungen des Regimes reagierte, und habe den Verlust von jeglicher Demokratie bemerkt, war aber nicht politisch aktiv. 

Woher nahmen Sie 2020 den Mut, an den Demonstrationen in Minsk teilzunehmen? 
Ich weiss nicht, ob es Mut war oder Trotz. Aber es war schon immer so, dass ich mich nicht verbiegen lassen wollte, wenn mir etwas nicht passte. Freiheit ist mir sehr wichtig. Und Ehrlichkeit. Denn sie ist die Basis aller Beziehungen. Deswegen war ich emp√∂rt, als ich die einmal mehr manipulierten Ergebnisse der Pr√§sidentschaftswahl h√∂rte, und freute mich, als nicht nur Einzelne, sondern viele Menschen auf die Strasse gingen. Ich f√ľhlte mich verpflichtet, mit ihnen zu protestieren.¬†

Hatten Sie keine Angst?
Nat√ľrlich war das Risiko, verhaftet zu werden, da, aber die maximale Haftstrafe w√§re 15 Tage gewesen, und die war ich bereit zu ertragen. Ich hatte nicht damit gerechnet, so lange eingesperrt zu werden. Bis zuletzt dachte ich, sie wollen mir einfach nur Angst einjagen. Sogar, nachdem ich zu zweieinhalb Jahren verurteilt worden war und ich weiter im Gef√§ngnis bleiben musste, glaubte ich nicht, dass sie mich tats√§chlich so lange festhalten w√ľrden. Ich meinte immer wieder Anzeichen f√ľr meine Freilassung zu sehen, aber die Hoffnung hat sich immer wieder zerschlagen.¬†

Je härter die Repressionen wurden, desto weniger wollte ich mich ihnen beugen. Ich dachte mir Methoden aus, wie ich die Gefängniswärter ärgern konnte.

Wie gingen Sie damit um?
Erst nach einem Jahr wurde mir bewusst, dass ich die Strafe wirklich absitzen muss. Ich war dennoch nicht bereit, das mir mehrmals vorgeschlagene Begnadigungsgesuch zu unterschreiben, das zu meiner Freilassung gef√ľhrt h√§tte. Da ich mich nur gegen den Polizisten gewehrt, ihn aber nicht t√§tlich angegriffen hatte, gab es nichts zuzugeben.¬†

Haben Sie sich nie einsch√ľchtern lassen?
Meine Angst gr√ľndete vor allem in der Ungewissheit. Nachdem das Gericht das Urteil nicht revidiert hatte, stellte ich in einem Schreiben klar, dass ich jede L√ľge und Ungerechtigkeit bek√§mpfen w√ľrde. Ich sei nicht bereit, wie in belarussischen Frauengef√§ngnissen verbreitet, Uniformen f√ľr das Regime zu n√§hen. Man hat mich dann gewarnt, dies sei das Schlimmste, was ein H√§ftling machen k√∂nne, und dass ich daf√ľr mit Kerker bestraft w√ľrde.

Was versteht man darunter?
Ich wusste auch nicht genau, was auf mich zukommen w√ľrde, aber die Direktion des Frauenarbeitslagers drohte mir mit 80 Tagen Kerker und der stellte sich als Einzelhaft der h√§rtesten Art heraus. Nach 25 Tagen wurde ich immer schw√§cher und zweifelte, ob ich sie durchhalten k√∂nne. Als ich gem√§ss Reglement nach 30 Tagen in den erleichterten Kerker verlegt wurde, kam der mir paradiesisch vor: Ich hatte Kissen und Decken, durfte lesen und ein paar Lebensmittel kaufen.¬†

Ist Ihre mentale Widerstandskraft sogar gewachsen?
Ja, je h√§rter die Repressionen wurden, desto weniger wollte ich mich ihnen beugen. So dachte ich mir Methoden aus, wie ich die Gef√§ngnisw√§rter √§rgern konnte, die uns zweimal pro Tag zwangen, uns mit Verfahrensnummer, Haftl√§nge usw. zu identifizieren. Daf√ľr buchstabierte ich diesen Rapport extrem langsam, wodurch er sich manchmal bis zu zehn Minuten hinzog. Das hat sie unglaublich genervt!

Wer hat Sie unterst√ľtzt?
Mein Freund bekam die M√∂glichkeit, mich im Lager zu besuchen, da die Beh√∂rden hofften, dass er mich dazu bringen w√ľrde, das Begnadigungsgesuch zu unterschreiben. Er sagte aber sofort, er w√§re nicht hier, um mich zu √ľberreden. Er h√§tte mich jedoch nur zu gerne mit nach Hause genommen. Ich wollte nat√ľrlich auch raus, aber nicht um jeden Preis. Deshalb musste ich mich noch sieben Monate in Geduld √ľben.

Gott ist aus meiner Sicht viel mehr, als sich ein Mensch vorstellen kann.

Ihnen soll das Lesen der Bibel und das Beten viel geholfen haben. Stammen Sie aus einer religiösen Familie? 
Nein, wir sind nur zu Ostern und Weihnachten in die Kirche gegangen. Trotzdem war ich auf meine Art immer schon sehr gläubig, denke aber, dass der Glaube vielfältiger ist als das, was eine einzige Konfession vermittelt. Gott ist aus meiner Sicht viel mehr, als ein Mensch sich vorstellen kann. Aber klar, der russisch-orthodoxe Glaube steht mir am nächsten, und in der belarussischen Bibel fand ich Stellen, die mich ansprachen und mir Kraft gaben. 

Können Sie ein Beispiel machen?
Im 1. Petrusbrief heisst es: ¬ęAber auch, wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leiden m√ľsst, seid ihr seligzupreisen. F√ľrchtet euch nicht vor ihnen und lasst euch nicht erschrecken.¬Ľ

Wie haben Sie Ihre traumatischen Erfahrungen verarbeitet?
Nach meiner Freilassung war ich sehr euphorisch. Ich hatte bis zuletzt gek√§mpft, alles schien gut. Nach einem Monat sp√ľrte ich jedoch, was mir fehlte. Die Realit√§t war ganz anders, als ich sie mir in der Gefangenschaft vorgestellt hatte. Ich musste damit klarkommen, dass ich keine Vergangenheit mehr hatte. Mein Freund hatte die Wohnung in St.‚ÄČGallen aus finanziellen Gr√ľnden aufl√∂sen m√ľssen und zu entscheiden, was er f√ľr mich behielt und was er weggab. Dabei gingen viele Wertsachen und Erinnerungsst√ľcke verloren. Noch mehr vermisste ich meine drei Katzen.¬†

Was ist mit ihnen passiert?
Er verschenkte sie, da er sich nicht um sie k√ľmmern konnte, und nur eine davon konnte ich gegen die Bezahlung der angefallenen Kosten zur√ľckkaufen. Noch viel schlimmer war nat√ľrlich, dass man mir eineinhalb Jahre meines Lebens gestohlen hat, obwohl ich gegen kein Gesetz verstossen hatte. Ich habe mich inzwischen wieder in der Gesellschaft eingelebt. Es geht mir auch gesundheitlich besser. Die Verarbeitung des Geschehenen wird jedoch noch sehr lange dauern.

Bereuen Sie, dass Sie an der Demonstration teilgenommen haben? 
Wenn ich w√ľsste, dass ich dort verhaftet und anderthalb Jahre eingesperrt werde, glaube ich nicht, dass ich erneut den Mut h√§tte, es zu tun. Den Widerstand, den ich leistete, habe ich jedoch nie bereut.

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