News aus dem Thurgau

Das Dilemma der Helfenden

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22.11.2022
Bereits zehnmal war Michael Kunz, Präsident der Schaffhauser Afghanistanhilfe, in der Vergangenheit nach Afghanistan gereist. Seit die Taliban das Land besetzt haben, ist alles anders. Hunger, Armut und Machtkämpfe beherrschen das Land. Ein Reisebericht.

«Wir haben uns zehn Jahre lang vor den Taliban versteckt und alles getan, um ihnen nicht zu begegnen. Das ist heute unmöglich», erklĂ€rt Michael Kunz. Ende September konnte der PrĂ€sident mit zwei weiteren Vertretern der Hilfsorganisation nach drei Jahren zum ersten Mal wieder in das Land reisen und ihre Projekte und örtliche Partner besuchen. Wenn Michael Kunz von dieser Reise berichtet, wird deutlich, was ihn bewegt: Die Menschen, die hungern und die MĂ€dchen, die nicht lange genug zur Schule dĂŒrfen.

Die Afghanistanhilfe bleibt vor Ort
Seit die Taliban an der Macht sind, haben die meisten westlichen Hilfswerke das Land verlassen. Die Afghanistanhilfe ist geblieben. Sie stellt sich dem Hochseilakt, mit den Machthabern zu verhandeln, um ihre Projekte weiter zu betreiben: WaisenhÀuser, Schulen und SpitÀler in verschiedenen Regionen.

Es gibt gemĂ€ssigte und radikale Vertreter des Regimes, je nach Glaubenshaltung beeinflusst dies die Politik der jeweiligen Region: «Es gibt nicht die Taliban», stellt Kunz fest. «Zwischen den verschiedenen Strömungen herrscht ein Machtkampf. Wir hoffen auf die Moderaten, mit denen können wir reden.» Man mĂŒsse die Taliban nicht mögen.

Über den eigenen Schatten springen
Oft muss Michael Kunz bei den GesprĂ€chen ĂŒber den eigenen Schatten springen. «Wir konzentrieren uns auf die Hilfe, die wir leisten, und versuchen das Maximum herauszuholen. Zum Beispiel verhandeln wir, dass MĂ€dchen möglichst lange die Schule besuchen dĂŒrfen, Hilfspakete unter die Leute kommen oder Frauen weiterhin in SpitĂ€lern arbeiten können.»

Die Projekte der Afghanistanhilfe laufen grundsĂ€tzlich gut: «Die Taliban sind dankbar fĂŒr das, was wir machen, vor allem im Gesundheitsbereich.» Den eingeschrĂ€nkten Zugang zur Bildung, unter dem vor allem MĂ€dchen leiden, oder das Verbot vom Sport- und Musikunterricht, findet Kunz verheerend.

Mit Begleitschutz unterwegs
In GesprĂ€chssituationen drehte das Kopfkino: «Ich habe viele Freunde, die gefoltert wurden, verfolgt werden und Angst haben um ihre Familie. Und dann sitzt man einem Gouverneur gegenĂŒber und versucht, ein freundliches GesprĂ€ch zu fĂŒhren. Das ist ungemein schwierig.» Angst um sein Leben hat Kunz nicht gehabt. «Als GĂ€ste wurden wir nie bedroht. Im Gegenteil, die Taliban versuchen uns zu zeigen, dass sie alles Griff haben.» FĂŒr bestimmte Situationen erhalten Kunz und seine Mitarbeiter Begleitschutz: «An den Kontrollpunkten stehen oft ungebildete KĂ€mpfer aus den Bergen, die unsere Dokumente nicht lesen können, da könnte es gefĂ€hrlich werden.»

Verschiedene RealitÀten
Afghanistan sei ein Land mit verschiedenen RealitĂ€ten. «Nicht alle sind mit dem Machtwechsel unzufrieden», sagt Kunz. «Im Paschtunengebiet hat zwanzig Jahre lang Krieg geherrscht. Jetzt fĂŒhlen sich die Bewohner sicherer und sind froh, dass niemand mehr getötet wird.»

Ein anderes Bild zeigt sich fĂŒr die Angehörigen der Hazara, einer Minderheit in Afghanistan: «Das Volk steht unter Schock und leidet unter dem Regime. Sie fĂŒrchten um ihr Leben und möchten aus dem Land fliehen.»

Armut und Hunger
Entsetzt zeigt sich der PrĂ€sident von der wirtschaftlichen Lage in Afghanistan, die sich seit der MachtĂŒbernahme dramatisch verschlechtert hat: «Frauen und Kinder betteln hungernd auf den Basaren, die Wirtschaft ist vollkommen zusammengebrochen. Es fehlt es nicht an Lebensmitteln, sondern an Geld.» Die Taliban seien unfĂ€hig, den Staat zu fĂŒhren. Über Bildung verfĂŒge nur die Elite. Wer auf dem Flughafen in Bamyan ankommt, wird nicht durchleuchtet. «Die Taliban finden den Knopf nicht, um die GerĂ€te einzuschalten. Sie haben grosse Probleme mit allem Modernen.»

Wandel muss von innen kommen
Darin sieht Kunz eine Chance: «Meine Hoffnung ist, dass die Taliban einsehen, dass es wirtschaftlich nicht so weitergehen kann.» Durch die westlichen Sanktionen ist das Land auf sich allein gestellt. Kunz hofft, dass sich das Regime dazu bewegen lÀsst, den Minderheiten und Frauen Rechte zu geben, damit der Westen wieder auf das Land zugeht. Der Afghanistankenner glaubt nicht, dass man die Taliban von aussen bekÀmpfen kann: «Die VerÀnderung muss von innen kommen, dort muss der Wandel geschehen.»

Adriana Di Cesare, kirchenbote-online

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