Der Kanton Solothurn will an der Spitalseelsorge sparen
Bisher teilen sich Kanton, Solothurner Spitäler (soH) und die drei Landeskirchen die Kosten der Spitalseelsorge. Die Kirchen tragen 58 Prozent, der Kanton übernimmt 42 Prozent über das Gesundheitsbudget. Diese Aufteilung will die Regierung abschaffen. In Zukunft soll die Finanzierung ausschliesslich von den Kirchen über den Finanzausgleich übernommen werden. Der Finanzausgleich speist sich aus den Kirchensteuern der Unternehmen.
Spitalseelsorge: ein Dienst an der gesamten Gesellschaft
Die Kirchen wehren sich dagegen. Evelyn Borer, Synodalratspräsidentin der reformierten Kirche Kanton Solothurn, kritisiert, dass der Kanton die Kirchen nicht informiert habe. Die katholischen, reformierten und christkatholischen Kirchen warnen vor einer Schwächung eines wichtigen gesellschaftlichen Angebots, das allen Menschen offensteht – unabhängig von ihrer Konfession. Der Kanton investiere 750‘000 Franken pro Jahr und erhalte dafür eine Seelsorge, die alle Patienten und Mitarbeitende kostenlos nutzen könnten, betont Borer. Die Spitalseelsorge sei ein Dienst an der gesamten Gesellschaft, nicht nur eine kirchliche Aufgabe. Sie dürfe nicht finanziellen Zwängen geopfert werden.
Steigende Nachfrage nach Gesprächen
Anne Barth, Leiterin der Spitalseelsorge im Kanton Solothurn, beobachtet eine steigende Nachfrage nach Gesprächen in den Spitälern. 2024 fanden 9506 Besuche statt. Geschätzt sei wohl etwa fast die Hälfte der Patienten nicht Kirchenmitglied, suchten aber dennoch seelsorgerische Unterstützung. Viele fühlten sich durch ihre Krankheit verunsichert, kämpften mit schwierigen Diagnosen oder der Konfrontation mit Sterben und Tod. Manchmal gehe es auch um andere Probleme, wie bei einer jungen Frau, die unter Konflikten am Arbeitsplatz litt, die sich in gesundheitlichen Problemen niederschlagen.
Anne Barth, Leiterin der Spitalseelsorge im Kanton Solothurn. | Foto: zvg
Barths Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen einer Studie aus den Zürcher Spitälern. Viele Menschen wünschen sich, wenn in der Klinik aufhalten, eine seelsorgerische Begleitung – gerade auch die Jungen. Das zeigt eine neue repräsentative Studie der Universität Zürich. Die Forschungsgruppe hat herausgefunden, dass rund die Hälfte der Bevölkerung im Kanton Zürich sich eine spirituelle Unterstützung in Krankheitssituationen wünscht.
Stellenabbau bei der Spitalseelsorge
Was passiert, wenn der Kanton die Gelder streicht? Borer warnt: «Die Kirchen müssten in der Spitalseelsorge Stellen abbauen. Patienten würden weniger betreut, die Qualität der Seelsorge würde leiden. Im Extremfall könnten die Seelsorgenden nur noch Kirchenmitglieder betreuen. Alle anderen blieben aussen vor. Das wäre ein Rückschritt, den man den Patienten nicht zumuten kann.»
Anne Barth sieht das genauso: Ohne kantonale Mittel gäbe es in den Kantonsspitälern von Olten und Solothurn keine durchgehende Präsenz der Seelsorger und keinen Pikettdienst. Die Betreuung ambulanter Patienten würde gestrichen, diejenige stationärer Patienten und ihrer Angehörigen müsste eingeschränkt werden.
Ende Januar treffen sich Kirchen, Kanton und Spitäler zu einem runden Tisch. Dort wollen die Kirchen mögliche Modelle und die Folgen einer Streichung der kantonalen Beiträge aufzeigen. Barth und Borer haben verschiedene Vorschläge erarbeitet. Borer hofft, dass der Kanton einlenkt. Sie versteht den Sparzwang, fordert aber eine gerechtere Kostenverteilung. Der Kanton müsse seine Verantwortung für die Seelsorge anerkennen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sehe Seelsorge als Teil der Gesundheitsversorgung, und auch das kantonale Gesundheitsgesetz verankere sie als Bestandteil der Versorgung. Borer ist zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird. die auch die Kirchen mittragen können.
Der Kanton Solothurn will an der Spitalseelsorge sparen