News aus dem Thurgau
Gastbeitrag

Der Schrei

von Alfred Bodenheimer
min
16.10.2023
Der Literaturwissenschaftler Alfred Bodenheimer zum Geschehen in Israel und Palästina und die Unmöglichkeit, Worte zu finden.

Mein Job als Akademiker ist das Forschen, das Einordnen, das ErklĂ€ren. Ich habe in den letzten Tagen seit dem Massaker der Hamas im SĂŒden Israels mit vielen Medienanfragen aus der Schweiz zu tun gehabt, da ich zugleich Professor an der Uni Basel bin, den Anfang des Krieges aber in Israel erlebt habe, wo ich auch diese Zeilen schreibe. Man erhoffte von mir also fachliches Insiderwissen wie auch Erfahrungsberichte. Ich habe mich nach KrĂ€ften darum bemĂŒht, die Fragen meiner GesprĂ€chspartner zu beantworten, HintergrĂŒnde zu liefern, EinschĂ€tzungen zu geben. Wie gesagt, das ist mein Job.

Dann schaue ich wieder die neuesten Meldungen an. Lese Augenzeugenberichte, Appelle der Angehörigen von Geiseln. Sehe, wie in Europa eine dunkle Wolke des Judenhasses aufzieht, der sich notdĂŒrftig das MĂ€ntelchen von SolidaritĂ€t mit einem Volk anzieht, das von eben jenen, die in dessen Namen morden, in Wahrheit seit vielen Jahren geknechtet und verraten wird.

Weil es immer nur dasselbe zu sein scheint, das sich wiederholt, fast eine Menschheitsgeschichte lang.

Wir haben es einmal mehr erlebt: Judenhass ist ein besonderer Hass. Es ist ein Hass, der zu allen Zeiten Mobilisierungskraft besitzt und der rauschhafte Begeisterung erzeugt, «wenn‘s Judenblut vom Messer spritzt», wie es vor neunzig Jahren die SA im Dritten Reich grölte.

Und mein Job, das Nachforschen, das Einordnen und das ErklĂ€ren erscheint mir schier unmöglich. Weil es immer nur dasselbe zu sein scheint, das sich wiederholt, fast eine Menschheitsgeschichte lang. Es ist erstaunlich, wie gut die Argumente fĂŒr diesen Hass in den unterschiedlichen Kontexten immer daherkommen, wie viele Menschen sich jeweils begeistert und entschlossen dahinter versammeln, auch scheinbar ganz Unbeteiligte.

Das Einzige, was mir hierzu noch einfĂ€llt, worin ich einstimmen, womit ich mich erklĂ€ren und meine Meinung kundtun möchte, ist Edvard Munchs ikonisches Bild «Der Schrei». Dem Menschen, der da den Mund aufgerissen hat, ist nichts Forschendes, nichts Einordnendes und nichts ErklĂ€rendes eigen. Er denkt an keine Zukunft, die es zu gestalten gilt, an keine Lösungen, die anzudenken sind. Er hat nur diesen Augenblick, es ist der ehrlichste, der fĂŒrchterlichste Moment der Erkenntnis, der sich durch keine hoffnungsvollen Konzepte, durch keine messianischen TrĂ€umereien einfangen oder einlullen lĂ€sst.

Der Moment wird kommen, in dem ich zurĂŒckkehre zu meinem Metier, in dem ich forsche, einordne und erklĂ€re. Aber jetzt, dazu eingeladen, meine EindrĂŒcke ĂŒber das, was sich abspielt, mitzuteilen, kann ich nur diesen einen markerschĂŒtternd stummen Schrei Ă€ussern.

 

Alfred Bodenheimer

Alfred Bodenheimer in seinem BĂŒro in der Uni Basel.

Alfred Bodenheimer ist ein Schweizer Literaturwissenschaftler und Autor. Er ist Professor fĂŒr JĂŒdische Literatur- und Religionsgeschichte an der UniversitĂ€t Basel. Neben FachbĂŒchern veröffentlichte er mehrere Kriminalromane. Er lebt in Israel und in der Schweiz.

Unsere Empfehlungen

Statt Socken: Zehn Bücher zum Verschenken

Statt Socken: Zehn Bücher zum Verschenken

Ein gutes Buch kann inspirieren, zum Nachdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen. Ein ideales Geschenk. Doch welches Buch ist das richtige für unter dem Weihnachtsbaum? Zehn besondere Buchtipps von denen, die es wissen müssen: den Buchhändlerinnen und Buchhändlern.
Raus aus der Spirale der Selbstverzwergung

Raus aus der Spirale der Selbstverzwergung

An der Tagung «Karl Barth und die Zukunft der evangelischen Predigt» in Basel tauchten Pfarrerin Andrea Anker, Niklaus Peter, ehemaliger Pfarrer am Fraumünster Zürich, die Theologin Sonja Keller und die Journalistin Johanna Haberer am Schlusspodium tief in den Barthschen Kosmos ein.
Blog: Der Krieg geht weiter

Blog: Der Krieg geht weiter

Eigentlich hätten sie im Oktober eine Reisegruppe aus dem Thurgau in Israel empfangen sollen. Nun berichten eine israelische Friedensaktivistin und ein arabischer Pfarrer, wie sie den Kriegszustand vor Ort erlebt.