News aus dem Thurgau

Frauen als Friedens-Strateginnen

min
01.03.2016
Wie kann man verhindern, dass Junge sich radikalisieren? Die Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer nimmt die Mütter in die Pflicht. Der Imam Mustafa Memeti fordert von seinen Berufskollegen «mehr Selbstkritik». Beide traten am Montag an der Tagung «religiöser Extremismus» auf.

Immer wieder machen radikalisierte Jugendliche, die auch aus der Schweiz in den Jihad ziehen, Schlagzeilen. Am Montag besch√§ftigte sich eine Tagung von Mission 21 mit dem Ph√§nomen. Rund 80 Teilnehmende setzten sich mit der Frage auseinander, was gegen religi√∂sen Fanatismus hilft. Drei Fachleute zeigten verschiedene Ans√§tze f√ľr die Pr√§ventionsarbeit auf: Die Erziehungswissenschaftlerin Miryam Eser Davolio von der Z√ľrcher Hochschule f√ľr Angewandte Wissenschaften ZHAW, der Berner Imam und Gef√§ngnisseelsorger Mustafa Memeti und die Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer, Gr√ľnderin von ¬ęFrauen ohne Grenzen¬Ľ.

Zuwendung als ¬ęGeheimwaffe¬Ľ
Um Konflikte zu l√∂sen, die durch Extremismus entstehen, braucht es die Frauen, lautet die These von Edit Schlaffer. ¬ęTerror und Kriege laufen nach dem patriarchalen Muster, Zuschlagen und R√§chen. Was f√ľr Frauen in diesem Szenario meistens √ľbrig bleibt: Vers√∂hnungsarbeit und Wiederaufbau¬Ľ, so Schlaffer. Seit 2008 betreibt ihre Organisation ¬ęFrauen ohne Grenzen¬Ľ die erste globale weibliche Anti-Radikalisierungsplattform ¬ęSisters Against Violent Extremism¬Ľ. Diese hat in von Terror betroffenen L√§ndern wie Nigeria oder Tadschikistan M√ľtterschulen aufgebaut. Sie unterst√ľtzen Familien, die Warnsignale f√ľr eine Radikalisierung fr√ľhzeitig zu erkennen und ihre Kinder vor dem Absturz zu bewahren. Als ¬ęGeheimwaffe¬Ľ der Pr√§vention sieht Schlaffer die Zuwendung. Es sei ganz wichtig, dass die M√ľtter lernten, ihren Kindern mit Geduld zu begegnen und zuzuh√∂ren.

Radikale Konvertiten
Die Z√ľrcher Erziehungswissenschaftlerin Miryam Eser Davolio untersuchte die religi√∂se Radikalisierung in der Schweiz. Ihre Studie bietet √ľberraschende Fakten. Die Motive von Jihad-K√§mfpern, die aus der Schweiz in die Kriegsgebiete reisten, bieten kein eindeutiges Bild. Es sei schwierig, ihre Motive zu erfassen. Es habe sich aber gezeigt, dass junge Menschen, die zum islamischen Glauben wechselten, h√§ufiger radikal wurden als urspr√ľngliche Muslime. Die Konvertiten wiederum stammten h√§ufiger aus nichtreligi√∂sen Familien. Sind Kinder aus religi√∂sen Familien weniger gef√§hrdet? Ein Schluss, den Miryam Eser Davolio als Frage in den Raum stellte.

Religiöse Vorbilder fehlen
Dass religi√∂se Bildung bei der Radikalisierung von jungen Muslimen eine Rolle spielt, glaubt auch Imam Mustafa Memeti. Die muslimischen Jugendlichen teilt er in drei Gruppierungen ein: liberale und konservative Muslime und solche, die aus areligi√∂sen Familien stammen. Insbesondere der dritten Gruppe fehle es an religi√∂sen Vorbildern. ¬ęSie haben nie gelernt, wie sie den Glauben und den Alltag miteinander verbinden k√∂nnen¬Ľ, sagt Memeti. Oftmals seien gerade Kinder, die bewusst ohne religi√∂se Bildung aufwachsen, sp√§ter anf√§llig f√ľr Sekten und Verschw√∂rungstheorien. Viele Muslime in der Schweiz h√§tten nicht gen√ľgend Kenntnisse √ľber ihre Religion. Deshalb werde heute der Bedarf an theologisch ausgebildeten Beratern immer gr√∂sser.
Die islamischen Geistlichen m√ľssten dazu beitragen, Parallelgesellschaften zu verhindern, und ihre geistliche Autorit√§t dazu benutzen, Br√ľcken zu anderen Religionen zu bauen, etwa bei gemischtreligi√∂sen Heiraten, betonte Memeti. Von seinen Berufskollegen fordert er ¬ęmehr Selbstkritik¬Ľ. In der Schweiz gebe es 300 Imame, die selten √∂ffentlich auftr√§ten.

Kim, pd / Kirchenbote / 1. März 2016

Unsere Empfehlungen

Kunstwerke als Botschafter eines bedrängten Landes

Kunstwerke als Botschafter eines bedrängten Landes

Die Ukraine kämpft um ihr Überleben. Auch die Kunst des Landes leistet ihren Beitrag dazu. Das Kunstmuseum Basel präsentiert derzeit in der Ausstellung «Born in Ukraine» eine Auswahl bedeutender Werke aus der Kyjiwer Gemäldegalerie, dem nationalen ukrainischen Kunstmuseum.
Frauen mit einem abenteuerlichen Herzen

Frauen mit einem abenteuerlichen Herzen

170 Jahre nach der Gründung des Diakonissenhauses Riehen beleuchtet eine Ausstellung mit Fotos und Texten die Geschichte der Kommunität. Sr. Delia Klingler lebt seit 2017 als Schwester hier. Der Kirchenbote hat mit ihr die Ausstellung besucht.