News aus dem Thurgau

Gott am Computer loben

von Kim Ariffin
min
24.07.2026
Er kombiniert ein weltberühmtes Computerspiel mit dem christlichen Glauben. Florian Homberger, evangelischer Pfarrer in Müllheim, veranstaltet im Game Minecraft regelmässig virtuelle Jugendgottesdienste. Dem Kirchenboten hat er demonstriert, was ihn daran begeistert.

Jede Menge virtuelle Bauklötze und grenzenlose Kreativität – dafür ist das Game Minecraft in erster Linie bekannt. Stand heute gilt es als das meistverkaufte Computerspiel aller Zeiten. Weil man in Minecraft so ziemlich alles machen kann, was man möchte, lässt sich das Spiel auch mit dem christlichen Glauben verbinden. Genau dies tut Florian Homberger, Pfarrer in der Evangelischen Kirchgemeinde Müllheim – nämlich in Form von Minecraft-Jugendgottesdiensten, die seit letztem Jahr regelmässig stattfinden. Er sagt: «Wir loben in Minecraft Gott, erleben Gemeinschaft und entdecken die biblische Botschaft immer wieder neu.» Sein Hauptziel sei, an einem Ort, an dem Gamer viel Zeit verbringen, bewusst von Gott zu sprechen und zu ihm zu beten.

 

Was ist Minecraft?

Minecraft ist ein beliebtes Computerspiel, in dem die Spielerinnen und Spieler eine Welt aus würfelförmigen Blöcken erkunden und eigene Bauwerke errichten – ähnlich wie mit digitalen Legosteinen. Die beiden wichtigsten Spielmodi sind der Überlebensmodus und der Kreativmodus. Im Überlebensmodus muss man Rohstoffe und Lebensmittel sammeln und sich gegen feindliche Kreaturen verteidigen. Im Kreativmodus stehen einem alle Ressourcen unbegrenzt zur Verfügung und man kann frei bauen, ohne dass die Spielfigur Schaden nimmt oder stirbt. (kia)

 

Game als Brücke zum Glauben

Auf dem Minecraft-Server der deutschen Bibelgesellschaft Canstein-Berlin hat Florian Homberger gemeinsam mit einem Team eine Miniatur-Version der evangelischen Kirche von Müllheim gebaut. Etwa eine Woche hätten sie dafür benötigt. Seine virtuellen Gottesdienste, die er auf dem Server hält, seien für den evangelischen Pfarrer ein interessantes Angebot und eine Ergänzung zum restlichen Gemeindeleben. Denn wenn man mit dem Glauben noch nicht vertraut ist, helfe Minecraft als Brücke, was wertvoll sei. Florian Homberger fügt schmunzelnd an: «Hingegen, wenn ein typischer Gamer am Sonntagmorgen in die Kirche gehen müsste, würde er das wahrscheinlich nicht tun.»

Die wöchentlichen Minecraft-Andachten finden meistens am Donnerstagabend statt, manchmal auch am Dienstagabend. In der Regel dauern sie ungefähr eine halbe Stunde. Interessierte können sich von zuhause aus zuschalten und über einen Sprachkanal miteinander kommunizieren. Alle zwei Monate kann man auch vor Ort im Kirchgemeindehaus in Müllheim daran teilnehmen. Dort stehen mehrere Laptops bereit, die zwei Müllheimer Firmen der Kirchgemeinde zur Verfügung gestellt haben. Zusätzlich werden die Szenen aus dem Computerspiel auf eine Leinwand übertragen.

 

Über einen Sprachkanal kann Florian Homberger in Minecraft seine Predigten halten und mit den Teilnehmenden kommunizieren. (Bild: Kim Ariffin)

Über einen Sprachkanal kann Florian Homberger in Minecraft seine Predigten halten und mit den Teilnehmenden kommunizieren. (Bild: Kim Ariffin)

 

15- bis 23-Jährige machen mit

Gespielt wird jeweils im Überlebensmodus, in dem man eine gewisse Anzahl an Lebenspunkten besitzt, die als Herzchen dargestellt werden. Wenn alle diese Herzchen aufgebraucht sind, stirbt man als Spieler. Jegliche Ressourcen muss man sich in diesem Modus selbst erwirtschaften, um dann damit eigene Gebäude bauen zu können. Auch um das virtuelle Essen muss man sich kümmern, damit man nicht verhungert. Für Florian Homberger fühlt sich der Überlebensmodus aus diesen Gründen besonders echt an, weswegen er auch am meisten Spass daran habe.

Aktuell nehmen im Durchschnitt etwa 16 Personen an den Minecraft-Gottesdiensten teil. Bei einem Treffen Anfang Juni waren sechs Leute vor Ort anwesend. Bisher schalten sich deutlich mehr Teilnehmende von zuhause aus zu, weil einige davon nicht in der Nähe von Müllheim oder sogar in Deutschland wohnen. Laut Florian Homberger sind die meisten Teilnehmenden im Alter von 15 bis 23 Jahren.

Dankesgebet mit virtuellen Kerzen

Einem Teilnehmer mit dem Gamer-Namen «Smartphonius Cookiesaurus», der schon seit fünf Jahren auf dem Server von Canstein-Berlin teilnimmt, gefällt besonders, dass man in den Minecraft-Gottesdiensten von jedem Ort in der Welt zusammenkommt und eine kurze Auszeit haben kann. Man müsse sich nicht darauf vorbereiten, sondern könne einfach dazukommen, auch wenn man krank ist.

Der Spieler «Vendet» sagt: «Ich mache mit, weil ich bisher immer gerne bei Andachten meiner örtlichen Gemeinde teilgenommen und mitgewirkt und das dann natürlich auch auf Canstein weiter fortgeführt habe.» Ein weiterer Teilnehmer namens «Restonmaster» macht jeweils mit, weil er sich auf dem Server mit anderen Leuten über ihre Meinung und ihren Glauben austauschen könne.

«Wenn man nicht Minecraft spielt, kann man relativ wenig damit anfangen. Man sieht den Bildschirm, man sieht die Klötzchen und versteht es nicht», sagt Florian Homberger. Aus diesem Grund sei es durchaus möglich, dass gewisse Leute diese Art von Gottesdienst nicht nachvollziehen können. Dennoch habe es bisher keine kritischen oder negativen Reaktionen gegeben.

Der Gottesdienst folgt meistens einem strukturierten Ablauf. Zuerst trifft man sich im Minecraft-Server und Pfarrer Florian Homberger begrüsst alle Teilnehmenden. Anschliessend sitzen alle Spieler in einem Kreis und zünden dort eine virtuelle Kerze an, während der Pfarrer ein Dankesgebet spricht. Daraufhin folgt eine kurze Predigt oder ein kurzer thematischer Input zu einem biblischen Thema, wie beispielsweise zum Zöllner Zachäus.

«Intensives und schönes Gefühl»

Danach gibt es jeweils einen interaktiven Teil, bei dem die Spieler entweder ein Minigame spielen oder gemeinsam ein kleines Bauprojekt in Angriff nehmen. Als Nächstes vertieft der Pfarrer nochmals den Input von vorhin. Zum Abschluss spricht er eine Fürbitte, woraufhin die Teilnehmer virtuelle Feuerwerksraketen abschiessen können. Rückblickend auf seine vergangenen Minecraft-Andachten sagt Florian Homberger: «Mir gefällt am besten, dass es wirklich funktioniert. Wenn ich bete, ist es für mich ein intensives und schönes Gefühl.»

Der Müllheimer Pfarrer ist motiviert, so weiterzumachen, weil jeweils mehrere Spieler an seinen Andachten teilnehmen. Aktuell spiele er mit dem Gedanken, ergänzend dazu auch vor Ort eine neue Art von Jugendgottesdienst anzubieten, in dem man zu einem biblischen Thema wie der Arche Noah in Minecraft ein gemeinsames Bauprojekt startet. Dieses neue Format würde sowohl online als analog vor Ort stattfinden.

 

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