In der kollektiven Trauer liegt Hoffnung
Wo waren Sie, als Sie vom Feuer in Crans-Montana erfuhren?
Ich war zu Hause, etwas ausserhalb von Crans-Montana. Am Morgen des ersten Januars, gegen halb acht, sah ich die Nachrichten im Fernsehen. Ich fuhr sofort ins Dorf, um zu helfen. Zu diesem Zeitpunkt war die Lage noch völlig unklar.
Gab es viel zu tun?
Unsere kleine Kantonalkirche war auf so eine Situation nicht vorbereitet. Am nächsten Tag organisierten wir eine stille Wache mit Musik, Gedichten und Gebeten. In den letzten Tagen war ich vor allem in der Kirche, damit die Menschen zu mir kommen konnten, wenn sie reden wollten.
Crans-Montana ist ein Dorf mit zehntausend Einwohnern. Jeder kennt jeden. Wie gehen Sie mit den Betroffenen und den Verantwortlichen der Brandkatastrophe um?
Jetzt ist nicht die Zeit, um Schuld zuzuweisen. Der Barbesitzer wurde in Untersuchungshaft genommen, und ein Verfahren läuft. Es ist nicht meine Aufgabe, ihn zu verurteilen.
Aber es ist doch menschlich, nach Verantwortlichen zu suchen.
Ja, das gehört zur Trauer. Viele suchen einen Sündenbock. Wenn ein geliebter Mensch auf so tragische Weise stirbt, wollen viele das zunächst nicht wahrhaben. Sie reagieren ungläubig, lehnen den Tod ab. Mit der Akzeptanz wächst dann der Wunsch nach einer Erklärung: Wer trägt die Schuld am Tod meines Kindes?

Guy Liagre, geboren 1957 in Gent (Belgien), ist seit 2023 Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Crans-Montana. Der belgische Theologe studierte in Brüssel, den USA und promovierte in Kirchengeschichte. In seiner über 40-jährigen Laufbahn war er unter anderem Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) von 2012 bis 2015 und Präsident der Vereinigten Protestantischen Kirche Belgiens.
Unterscheidet sich die Trauer nach einer solchen Katastrophe von anderen Todesfällen?
Der Prozess ist ähnlich. Aber Menschen, die jemanden in einer großen Katastrophe verlieren, sind oft besser begleitet als jene, die allein trauern.
Wirklich?
Ja. Wer einen Angehörigen durch einen Unfall oder eine Krankheit verliert, bekommt nicht automatisch professionelle Unterstützung. Nach einer Katastrophe wie dieser stehen Dutzende Psychologen bereit. Wer allein trauert, muss sich oft selbst helfen.
Hat kollektive Trauer also auch eine hoffnungsvolle Seite?
In gewisser Weise, ja. Menschen stehen einander bei, neue Verbindungen entstehen. Doch es ist schwierig, solidarische Aktionen zu organisieren, da die Opfer in Krankenhäusern und die Familien der Verstorbenen über ganz Europa verteilt sind.
Wie gehen Sie persönlich mit der Situation um? Das kann oft nicht einfach sein.
Ich bin seit 45 Jahren Pfarrer und Seelsorger. In diesem Rahmen muss man in der Lage sein, Trauer zu erleben, ohne selbst zu traurig zu sein, denn man muss für die Menschen da sein.
Sie arbeiten als Seelsorger in einer Rehabilitationsklinik für Traumapatienten. Was brauchen die Menschen in Crans-Montana jetzt?
Die nächsten sechs Monate sind entscheidend. Unbehandelte Traumata begleiten einen ein Leben lang. Besonders gefährdet sind Menschen, die nicht selbst aktiv werden können, um ihre Wunden zu heilen.
Welche Rolle spielt die Kirche dabei?
Eine zentrale. Wir Seelsorger und Diakone müssen vor allem zuhören. Die Betroffenen brauchen keine Ratschläge oder klugen Worte, sondern offene Herzen und Ohren. Wir zeigen ihnen, dass wir für sie beten und dass Gott sie trägt.
Ist Solidarität auch ausserhalb der Gemeinschaft wichtig?
Ja. Bei der Gedenkzeremonie in Martigny am 9. Januar waren Staatsoberhäupter wie Emmanuel Macron und der belgische Premierminister Bart De Wever anwesend. Für sie ist das ein kleiner Akt, doch für die Familien kann ihre Präsenz ein Schritt im Verarbeitungsprozess sein.
Die mediale Berichterstattung hat viel Anteilnahme ausgelöst. Bald wird das Interesse abflauen. Ist das schlimm?
Marshall McLuhan sagte: «Only what is new is news.» Das Interesse wird nachlassen und später, etwa bei den Gerichtsverhandlungen, wieder aufflammen. Solidarität ist wichtig, und es ist schön, dass viele Anteil nehmen. Doch die Trauer, die Aussenstehende empfinden, ist oft nur ein fiktiver Schmerz. Menschen in Basel sind von der Katastrophe nicht betroffen. Sie sehen das Leid in den Medien, fühlen sich verbunden, sind es aber nicht wirklich.
Nach der Katastrophe gab es einen Trauermarsch mit über tausend Teilnehmern. Doch viele kehrten danach in ihren Alltag zurück, während die Betroffenen mit dem Trauma leben müssen.
Das stimmt. Die meisten Menschen gehen nach Hause und führen ihr normales Leben weiter. Die Zurückgebliebenen müssen die Trauer alleine bewältigen.
Welche Verantwortung haben die Medien in den kommenden Monaten?
Auf kantonaler und föderaler Ebene wird es Kommissionen geben, die die Feuerwehr reorganisieren und Krisenprävention verbessern wollen. Die Medien müssen Druck auf die Politik ausüben, damit sich so eine Tragödie nicht wiederholt.
Kann in Crans-Montana wieder Normalität einkehren?
Die Normalität hat nie aufgehört. Als ich am Ersten Januar ins Dorf fuhr, waren vor und hinter mir Autos mit Skiern auf dem Dach. Die Menschen hörten nicht auf, Ski zu fahren. Das wirkt paradox, aber das Leben geht weiter – auch für die Betroffenen. Eine Familie mit drei Kindern hat eines im Feuer verloren. Die Eltern müssen mit der Trauer umgehen, aber auch den beiden anderen Kindern ein normales Leben ermöglichen.
Welche Botschaft möchten Sie den Menschen in Crans-Montana mitgeben?
Wir haben ein Drama aus nächster Nähe erlebt. Weil es in der Schweiz geschah und wir die Betroffenen oft persönlich kennen, berührt es uns besonders. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass es weltweit Menschen gibt, die Ähnliches durchmachen: in Kriegen, Hungersnöten oder einsamer Trauer. Lassen wir uns nicht nur von dem bewegen, was uns selbst betrifft, sondern öffnen wir uns auch für das Leid anderer.
Hinweis: Das Interview wurde auf Französisch geführt und für diese Veröffentlichung ins Deutsche übersetzt.
In der kollektiven Trauer liegt Hoffnung