News aus dem Thurgau

Kirchliche Ausbildung: Kritik am Reuss-Institut

von Daniel Stehula (ref.ch) / sd
min
05.12.2024
Das ökumenische Reuss-Institut will neue Wege zu kirchlichen Berufen bieten. Nun gibt es Kritik von katholischer und reformierter Seite. Der Haken: Die Ausbildung ist nirgends anerkannt.

Man macht ein Praktikum in einer Kirchgemeinde und studiert nebenbei im Reusshaus, so das Konzept des Reuss-Instituts. Der Zugang ist niederschwellig: Berufsschul- oder Maturzeugnisse schickt man zusammen mit einem Motivationsschreiben ein. Die Ausbildung trägt den Titel «Gemeindeentwicklung, Fresh Expressions of Church und Pioneering». Im Sommer 2024 haben die ersten sechs Personen die Ausbildung abgeschlossen.

Kritik von katholischer …

Ein Zwischenbericht des katholischen Deutschschweizer Ordinarienkonferenz (DOK) wirft nun ein kritisches Licht auf die Ausbildung. Das Fazit: «Die DOK anerkennt den dualen Bildungsgang des Reuss-Instituts nicht als Ausbildung, die für einen kirchlichen Beruf qualifiziert.»

Co-Institutsleiterin Sabine Brändlin reagiert auf Anfrage von «ref.ch» auf die Kritik: «Die Absolventinnen und Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt.» Sie würden schon während der Ausbildung umworben. Zwar könnten die Absolventen nicht in leitender Funktion in einem der anerkannten Qualifikationsprofile arbeiten, sagt Brändlin, aber: «Als Mitarbeitende können sie in verschiedensten Bereichen der Gemeindearbeit tätig sein.» Trotzdem bezahlen die Personen jährlich 8400 Franken für eine Ausbildung, die weder auf reformierter noch auf katholischer Seite anerkannt ist. Die Co-Institutsleiterin sagt, man habe «die Studierenden immer von Beginn an» darüber informiert.

… und von reformierter Seite

Das Resultat der Evaluation fällt nichtsdestotrotz negativ aus. «Das überrascht mich nicht», sagt Thomas Schaufelberger, Leiter der Arbeitsstelle Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer: «Als neue Zugangsmöglichkeit zu kirchlichen Berufen braucht es das Institut nicht.» Interessant sei es allenfalls als Ergänzung auf dem Weiterbildungsmarkt für Menschen, die sich bereits in ihren Kirchgemeinden engagierten.

St. Galler Kirchenrat wartet ab

Im Beirat des Reuss-Instituts sitzt der St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt. Er unterstütze neue Initiativen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sagt er. Frage an ihn: Gibt es denn in der St. Galler Kirche ein Berufsbild, bei dem die Ausbildung am Reuss-Institut als Zulassung gilt? «Nein», sagt Schmidt. Der Kirchenrat plane auch keine entsprechenden Schritte. «Wir prüfen das erst, wenn eine Kirchgemeinde einer Reuss-Studentin einen Praktikumsplatz anbietet und ein Gesuch stellt.» Dann würde es allerdings dauern. Denn für die Anpassung der Reglemente braucht es einen Beschluss der Synode, was mindestens ein Jahr in Anspruch nimmt. Schmidt verweist derweil auf die geplante Neustruktruierung des Theologiestudiumes. Deshalb müssten die Berufsbilder ohnehin neu geregelt werden. «Dann wird sich hoffentlich auch die Rolle des Reuss-Instituts klären.» Bis dahin bleibt die berufliche Zukunft der Absolventinnen und Absolventen ungewiss.

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Fassung eines Artikels, der zuerst bei ref.ch erschienen ist. Den Originalartikel finden Sie hier.

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