Livestream-Boom: Was ist geblieben?
Vor fünf Jahren hat Corona das kirchliche Leben auf den Kopf gestellt. Vom 22. März bis 28. Mai 2020 durften keine Präsenzgottesdienste stattfinden. Rund die Hälfte der 60 Thurgauer Kirchgemeinden schaffte damals in kurzer Zeit die Möglichkeit, die Gottesdienste aus den Kirchen sonntags im Livestream mitverfolgen zu können. Ergänzt wurden die Gottesdienstformate durch Videobotschaften, die auf digitalen Kanälen verbreitet wurden.
Technische HĂĽrde ist kleiner geworden
Fünf Jahre nach Corona hat sich gezeigt, dass sich Gottesdienste im Livestream nur vereinzelt gehalten haben. Offenbar schätzen die Menschen die reale Gemeinschaft im Sonntagsgottesdienst und ziehen den Gang in die Kirche dem Livestream vor. Das hat auch damit zu tun, dass mit dem Gottesdienst Gemeinschaftserlebnisse wie etwa der Kirchenkaffee verbunden sind. Fallweise wird der Livestream von einzelnen Kirchgemeinden für die Übertragung besonderer Festanlässe genutzt. Die technische Hürde ist – dank der Erfahrung in der Coronazeit – kleiner geworden.
Kurzbotschaften in den sozialen Medien
Auch die auf die digitalen Kanäle angepassten Videoformate sind seit Corona weniger geworden. Einige interessante Formate haben sich jedoch gehalten. Sie gehören zum innovativen Erbe der Coronazeit. Einige Kirchgemeinden sind digital mit Kurzbotschaften in den sozialen Medien unterwegs. Die Thurgauer Landeskirche hat mit Hanna Röthlisberger seit einem Jahr eine Social-Media-Botschafterin angestellt. Geblieben sind auch zwei Deutschschweizer Projekte, die in der Coronazeit konsequent digital konzipiert wurden: «Brot & Liebe» und «Netzkloster». «Brot & Liebe» bietet einen digitalen Zoom-Gottesdienst an. «Netzkloster» bringt spirituelle Praxis in die eigenen vier Wände.
Die Redaktion des Kirchenboten hat zwei Kommunikationsfachleute gefragt, was vom digitalen Boom der Coronazeit geblieben ist.
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Das meinen Hanna Röthlisberger und Jonas Greuther:
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Die Kirche soll online mitreden

Livestreams waren während Corona eine Notlösung und zugleich ein Innovationsschub. Gottesdienste wurden aus der Kirche hinaus in die Welt getragen. Man konnte ganz niederschwellig und anonym Gottesdienste über Landesgrenzen hinaus entdecken und sich inspirieren lassen. Kirche war nicht mehr nur lokal, sondern digital präsent.
Mein Vater vergleicht diese Entwicklung mit dem Buchdruck: Früher waren Bibeln fast ausschliesslich im Besitz der Kirche, dann wurden sie plötzlich für viele zugänglich. Ähnlich bei den Livestreams: Der Gottesdienst war nicht mehr nur für die Kirchenbesucherinnen und -besucher vor Ort bestimmt, sondern online für alle erreichbar.
Zwar streamen heute weniger Gemeinden regelmässig. Doch das Bewusstsein für digitale Reichweite ist geblieben. Social Media wird aktiver genutzt, auch wenn Ressourcen und Knowhow leider oft fehlen. Gute digitale Kommunikation braucht nämlich Zeit, Qualität, Strategie und mehr als nur ein paar Flyer. Dabei ist das Potenzial enorm. Religion und Spiritualität sind online präsente Themen. Viele Junge suchen laut Sinus-Jugendstudie (2024) auch auf Social Media nach Sinn und Orientierung. Wenn diese Fragen digital gestellt werden, sollte Kirche dort ansprechbar sein. Digital ersetzt keine Gemeinschaft, aber es kann ein erster Schritt der Kirche sein, auf die Leute zuzugehen, die nicht am Sonntagmorgen im Gottesdienst sind.
Soziale Medien sind eine Chance

In den sozialen Medien hat sich in den letzten sechs Jahren viel bewegt. Bei den geposteten Videos ist zu beobachten, dass «überprofessionelle» Kurz- Videos oft weniger Interesse wecken als selbst gemachte, bei denen es um echte Menschen geht. Beim Publikum in den sozialen Medien ist ein starkes Bedürfnis nach Authentizität – nach Echtheit – festzustellen. Zudem gibt es den Gegentrend, dass gerade Podcasts auch länger sein dürfen. Das kann so daherkommen, dass zwei Menschen miteinander im Gespräch und im Austausch sind – 20 Minuten bis zu einer Stunde lang. Die Inhalte sind nur zum Teil vorformuliert – vieles ergibt sich spontan und daher wieder authentischer im Gespräch.
Für die Kirche ergeben sich in diesem Umfeld Chancen für neue digitale Formate. Es braucht etwas Mut und der Dialog und die Begegnung dürfen durchaus persönlich werden. Als Menschen, die im Leben stehen, dürfen wir entspannt darüber reden, wie wir unseren christlichen Glauben, die Transzendenz und die Gemeinschaft in der Kirche erleben. Die Hürde, dass Menschen ihre Glaubens- und Lebenserfahrungen miteinander teilen, ist immer noch gross, obwohl die Technik einfacher geworden ist. Ich bin aber zuversichtlich, weil ich im kirchlichen Umfeld ein Interesse an Schulungen zur Herstellung von Videos feststelle. Unser Team bietet in Zusammenarbeit mit der kirchlichen Erwachsenbildung im tecum Ausbildungen zur spielerischen Befähigung «Video mit dem Smartphone» an.
Livestream-Boom: Was ist geblieben?