News aus dem Thurgau

Locarno ist ein Lernort für die Kirchen

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17.08.2016
Am Filmfestival von Locarno waren die Kirchen mit einer eigenen Jury präsent. Präsidiert wurde sie vom evangelischen Pfarrer Werner Schneider-Quindeau. Für den Frankfurter ist Filmeschauen «die Kunst der Unterscheidung». Den ausgezeichneten Film «Godless» bezeichnet er als Theologie vom Feinsten.

Herr Schneider-Quindeau, warum hat die ├ľkumenische Jury den bulgarischen Film ┬źGodless┬╗ ausgezeichnet?
Die Regisseurin Ralitza Petrova hat an der Preisverleihung gesagt: ┬źDies ist ein Film f├╝r Gl├Ąubige.┬╗ Damit hat sie sicher einen wichtigen Punkt getroffen. Es handelt sich bei ┬źGodless┬╗ um ein Klagelied im theologischen Sinn. In der ├ľkumenischen Jury hat uns vor allem dieser Schrei aus tiefster Not ├╝berzeugt, der einem Psalm gleichkommt. Dar├╝ber hinaus ├Âffnet sich der Film auch f├╝r die orthodoxe Liturgie, indem Kirchenlieder eingespielt werden, die einen Zugang zum ┬źAnderen┬╗ er├Âffnen. Damit wird f├╝r die Zuschauer und Zuschauerinnen ein Verwiesen-Sein auf Gott angedeutet. Auch wenn die Lage verzweifelt erscheint, gibt es eine Sehnsucht, aus dieser Not erl├Âst zu werden. Das ist Theologie vom Feinsten an einem Filmfestival. Besonders gefreut hat mich, dass ┬źGodless┬╗ auch den Goldenen Leoparden gewonnen hat.

Was war Ihre Aufgabe als Pr├Ąsident der ├ľkumenischen Jury am Filmfestival Locarno?
Das Spannende an der ├ľkumenischen Jury ist die Tatsache, dass hier verschiedene Perspektiven zusammentreffen, wie Filme wahrgenommen werden. Die Internationalit├Ąt mit Mitgliedern aus Nigeria, den USA und aus Europa war vielversprechend. Ich sah mich als Moderator zwischen diesen verschiedenen kulturellen Horizonten. Das hiess, alle Stimmen mussten geh├Ârt werden und auch ihr entsprechendes Gewicht finden.

Handelte es sich dabei vor allem um interkulturelle Fragen?
In der Tat. Ich war gespannt, wie unser nigerianischer Kollege, Walter Ihejirika, die Filme wahrnimmt. Wir hatten es in der Jury ja mit Menschen verschiedener Kulturen zu tun. Das war manchmal gar nicht so einfach. Man musste ├╝ber die Grenzen der eigenen Kultur hinausgehen und versuchen zu verstehen. Es ging auch bei den Filmen um eine grosse kulturelle Spannweite. Wie stellt ein Film aus China die Gesellschaft oder ein existentielles Problem dar, das wir aus europ├Ąischer Sicht ganz anders beschreiben w├╝rden?

Das ist der grosse Gewinn von Filmfestivals: Es handelt sich um Schaufenster der internationalen Filmkultur auf der einen Seite, aber zugleich auch der Kulturen global. Und wir wissen heute ganz genau, wie schwierig es ist, interkulturelle Kommunikation wirksam zu gestalten. Das ist mehr als zu sagen, das sind sch├Âne Absichten, aber wir k├Ânnen angesichts der Konflikte nicht viel damit anfangen. Ich finde, Filmfestivals sind ein verheissungsvoller Ansatz, die L├Ąhmung in der interkulturellen Verst├Ąndigung zu ├╝berwinden. Durch den Austausch kommen wir zu gemeinsamen Perspektiven in Konfliktsituationen.

Filmfestivals stehen also zwischen den Kulturen. Stehen sie auch zwischen den Religionen?
Die Religionen spielen in den Filmen, zumindest als kultureller Teil, nat├╝rlich eine wichtige Rolle. Wobei ich immer noch unterscheiden w├╝rde zwischen Religion und Glaube. Im Film kommt der Glaube als existentielle Dimension, als Vertrauen auf Gott, viel st├Ąrker zum Tragen als zum Beispiel in der Wissenschaft. Im Film sind es die allt├Ąglichen Geschichten mit ihren existentiellen, sozialen und politischen Fragen, die z├Ąhlen. Damit werden auch religi├Âse Fragen selbstverst├Ąndlich zum Thema.

Finden Sie diese existentielle Dimension des Glaubens auch in Filmen des internationalen Wettbewerbs in Locarno?
Ich fasse den Begriff ┬źGlaube┬╗ weit. Ich w├╝rde diesen jetzt nicht konfessionell, wie zum Beispiel im Glaubensbekenntnis verstehen. Wenn wir Filme sehen wie den polnischen Beitrag ┬źThe Last Family┬╗ (┬źOstatnia rodzina┬╗), dann geht es nat├╝rlich auch um die Frage: Was tr├Ągt diese Familie? Was bedeutet Glaube dort? Es geht um einen Maler, der ganz schreckliche Bilder macht und f├╝rchterliche Fantasien hat. Entweder deutet man das alles nihilistisch oder geht einen anderen Weg. Es gibt in dem Film auch die Gestalt der Mutter, die durchaus katholisch ist, die aufgrund ihres Glaubens diese Familie zusammenzuhalten versucht.

Das ist ein Beispiel, wie wir Familiengestalten deuten, die gegen alle Formen von ├ťberforderung und Ideologie antreten. Da m├╝ssen sich die Kirchen fragen: Wie verhalten wir uns in einer Situation, wo Familien auseinanderbrechen? Bei familienpolitischen Stellungnahmen der Kirche m├╝ssen wir wissen, dass Familie auch sehr stark ein Thema im Filmschaffen ist.

Kann man daraus schliessen, dass Filmfestivals ein Lernort f├╝r die Kirchen darstellt?
Das ist das Entscheidende. Deshalb haben wir auch Jurys auf den Festivals. Und deshalb sind sie auch unverzichtbar. Die Aufgabe besteht darin, die Kunst der Unterscheidung einzu├╝ben; n├Ąmlich zu sagen: Es gibt Filme, die haben eine bestimmte Qualit├Ąt, die andere nicht haben. Aus diesem Wettbewerb des Filmfestivals auszuw├Ąhlen und dabei zu fragen: Was lernen wir hier? Ein Filmfestival ist ein Bildungsraum par excellence.

Als protestantischer Theologe spreche ich dabei von der Kunst der Unterscheidung, so wie es schon von Anfang an darum ging, was gelten soll. Wie m├╝ssen wir uns unterscheiden von allen anderen Vorstellungen in dieser Welt, die nat├╝rlich existieren? Unterscheiden heisst nicht trennen. Aber darin, dass wir die Unterscheidung lernen, lieben wir den Dialog. Nur dadurch lernt man. Es ist wie beim Weintrinken. Man muss verschiedene Weine trinken und dadurch lernen. Ich w├Ąhle die aus, die mir am besten schmecken. Diese Metapher gilt f├╝r die Auswahl von Filmen.

Was heisst das f├╝r die Kirchen?
Die kulturellen Dialoge an den Filmfestivals sind f├╝r unsere Sprachf├Ąhigkeit wichtig. Sie geben den N├Ąhrboden f├╝r unsere Bildung.

Welche Bedeutung hat Locarno im Vergleich zu anderen Filmfestivals f├╝r Sie?
Locarno hat ein Alleinstellungs-Merkmal: das ist die Piazza Grande und zwar unabh├Ąngig von der Qualit├Ąt der Filme. Ich sch├Ątze die Piazza Grande ganz besonders, weil hier in einer modernisierten Form etwas wieder hergestellt wird. Piazzas sind Orte des Dialogs, Orte der Begegnung, Orte der Wahrnehmung. Der Markt als ┬źPiazza┬╗ ist immer mehr als eine wirtschaftliche Angelegenheit. Am Filmfestival wird die Piazza wieder zu dem, was sie einmal war: ein Ort des Dialogs und der kulturellen Begegnung.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗

Charles Martig / ref.ch / 17. August 2016

Charles Martig ist Direktor des katholischen Medienzentrums und Mitglied der ├ľkumenischen Jury am Filmfestival Locarno.

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