News aus dem Thurgau

Luther, der sprachmächtige Antipfaff

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04.08.2017
Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu zeichnet in seinem Luther-Roman das Porträt eines Mannes aus Fleisch und Blut, der dem «welschen Geschwät» und der «Papistenspuck» aus Rom den Kampf ansagt. «Evangelio» feiert den Sprachrausch und ist eine Hommage an Luther, den wortgewaltigen Anti-Pfaffen, der auch mal flucht und zetert.

Wir schreiben das Jahr 1521. Martin Luther sitzt in der Wartburg fest. Luther weigerte sich am Reichstag zu Worms, seine 95 Thesen zur├╝ckzuziehen und ist nun vogelfrei. In der Schutzhaft, die ihm der Kurf├╝rst von Sachsen gew├Ąhrt, plagt ihn eine schlechte Verdauung, er br├╝tet Tag und Nacht, er fleht und er flucht. An Luthers Seite ist der katholische Landsknecht Burkhard, der ihn nicht aus den Augen l├Ąsst. Wachtmann Burkhard steht Luther bei, wenn ihn Koliken plagen oder Teufelsvisionen heimsuchen, und er begleitet Luther sogar, als dieser sich heimlich in Wittenberg mit dem Reformatoren Melanchthon trifft.

Angst vor Hexen

Aus der Perspektive von Landsknecht Burkhard, einer fiktiven Figur, schildert der deutsch-t├╝rkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu in ┬źEvangelio┬╗ einen Luther, der zun├Ąchst befremdet. Der k├╝nftige Reformator Luther lebt in einer d├╝steren Zeit und ist alles andere als politisch korrekt: Er f├╝rchtet sich vor Hexen, er zetert gegen Frauen, Juden und Muslime, und er furzt. In der Haft vollbringt er aber auch sein gr├Âsstes Werk: Er ├╝bersetzt in nur zehn Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Bodyguard Burkhard betrachtet seinen Schutzbefohlenen mit einer Mischung aus Abwehr und leiser Bewunderung: ┬źWer ist dieser verr├╝ckte Frater Martinus, der es mit den R├Âmlingen aufgenommen hat┬╗, scheint er sich den ganzen Roman ├╝ber zu fragen.

Die Faszination f├╝r Luther sp├╝rt man auch dem Autoren Zaimoglu an. F├╝r den Roman hat er sich intensiv mit Martin Luther und seiner Zeit auseinandergesetzt. Neben historischen Studien geh├Ârten auch Ortsbegehungen zu seiner Recherche. Er verbrachte lange N├Ąchte in der Wartburg, um sich in die Protagonisten seines Romans hineinversetzten zu k├Ânnen.

┬źIch mag die Pfaffen nicht┬╗, soll Autor Feridun Zaimoglu einst gesagt haben. Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass ausgerechnet der Kirchenkritiker Zaimoglu diesen historisch-fiktiven Roman ├╝ber Luther geschrieben hat. Doch bei der Lekt├╝re von ┬źEvangelio┬╗ wird klar, was Zaimoglu dazu veranlasst haben mag. Zaimoglu, der selber Muslim ist, hat eigenen Aussagen zufolge etwas gegen ┬źverbeamtete Religion┬╗, ┬źAberglaube┬╗ und ┬źschales Geschw├Ątz von der Kanzel┬╗. Mit dem Reformatoren Luther teilt der Autor das Unbehagen an leeren Glaubensformeln, machthungrigen Gottesm├Ąnnern ÔÇô und vor allem die Freude an der deutschen Sprache. Die Lutherbibel hat es Zaimoglu angetan. Schon als Jugendlicher packte ihn die Begeisterung f├╝r die Sprachgewalt dieser ├ťbersetzung. Diese liess ihn nie mehr los.

Papistenspuke und R├Âmergeschw├Ątz

Zaimoglu ist wie Luther selbst ein Wortk├╝nstler. ┬źEvangelio┬╗ ist in einer Art Kunstsprache verfasst, die sich an der Sprache Luthers und seiner Zeit orientiert. Luther will ┬źsprechen zu den Teutschen┬╗ ohne ┬źPapistenspucke┬╗ und ┬źR├Âmergeschw├Ątz┬╗. Er wendet sich gegen ┬źden Teufel, der verwelscht┬╗ und die Papststadt Rom, in der man die ┬źHeiligen Sankt Goldtaler und Sankt Silbergroschen verehrt┬╗.

Wer sich auf den derben Stil des Romans einl├Ąsst, der liest auch nicht ohne Vergn├╝gen, wie Luthers von Koliken heimgesuchte ┬źHinterbacken beben wie ein B├Ąr, der zwischen den Bergen brummt┬╗.

Der Sprachrausch steht klar im Zentrum von Zaimoglus Luther-Roman. An der dauerd├╝steren Stimmung des Protagonisten, der Unmenge b├Âser Omen und den ├╝blen Ausd├╝nstungen, die Zaimoglu etwas gar sprachverliebt heraufbeschw├Ârt, gehen Dramaturgie und die Charaktere fast zugrunde. Und doch: Zaimoglu ist mit ┬źEvangelio┬╗ ein eigenwilliges Portr├Ąt von Luther und seiner Zeit gelungen. Derb, und trotzdem irgendwie liebevoll.

Susanne Leuenberger, kirchenbote-online.ch

Evangelio, Feridun Zaimoglu, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 31.90 Franken

Im Hinblick aufs Reformationsjubil├Ąum sind einige historische Romane erschienen. Die B├╝cher bringen spannend und anschaulich die Epoche der Reformation nahe und entstauben die historischen Fakten. In der Sommerserie ┬źMit Luther am Strand┬╗ haben wir mit den Autorinnen und Autoren gesprochen.

 

 

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