Mauer zu Fall gebracht
Schwerter werden zu Pflugscharen umgeschmiedet. «Es wird kein Volk mehr wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.» (Micha, 4,3) Der Prophet Micha hat eine Vision, wie es sein wird, wenn Gott sein Werk vollendet und seine Herrschaft endgültig anbrechen wird.
Das kommende Friedensreich Gottes (Micha 4, 1–5)
1 In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, feststehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, 2 und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.
3 Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spiesse zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
4 Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des Herrn Zebaoth hat’s geredet. 5 Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes, immer und ewiglich.
Quelle von Hoffnung und Kraft
Das Bild «Schwerter zu Pflugscharen» hat die Menschen aller Zeiten bewegt und ihnen vor dem Hintergrund der oft schrecklichen Wirklichkeit Hoffnung und Kraft gegeben. Durch ihren Glauben sind sie für die Welt – mag der Wirkungskreis auch noch so klein gewesen sein – zur Hoffnung geworden.
In bestimmten historischen Situationen hat «Schwerter zu Pflugscharen» auch die Weltpolitik bewegt. Und wenn die Zeit für eine Veränderung und für ein Hoffnungszeichen reif war, haben die Mächtigen – wie ratlos – der von vielen Menschen mitgetragenen Hoffnung nachgegeben: Die Hoffnung hatte sich erfüllt, ein Wunder war geschehen…
Die Geschichtsbücher kennen aber auch das Gegenteil: Zerstörte Hoffnungen auf Frieden und Freiheit, enttäuschte und gebrochene Menschen, aber auch Menschen, die trotz Scheitern ihren Glauben und ihre Hoffnung nicht verloren haben.
Ein Prophet in unsicherer Zeit
Der Prophet Micha hat im Übergang vom 8. zum 7. Jahrhundert vor Christus gelebt. Es waren für das Volk Israel keine goldenen Zeiten. Das nördliche Königreich Israel wurde 722 v. Chr. von den Assyrern vernichtet und beherrscht. Auch das südliche Königreich Juda musste um seine Selbstständigkeit bangen.
Die Hauptstadt Jerusalem wurde wiederholt belagert und die Assyrer verlangten für die Duldung des Königreichs Juda Tributzahlungen sowie kulturelle und religiöse Zugeständnisse. Der Glaube an den Gott «Jahwe» (oder «JHWH», wie der hebräische Eigenname Gottes im Alten Testament geschrieben wird), geriet von innen und aussen immer wieder unter Druck. Es war eine bedrohte und unsichere Zeit, in der Micha als Prophet wirkte.
Gott kommt uns Menschen entgegen
Christinnen und Christen haben die Worte Michas – Jahrhunderte späterr – als Hinweis auf das Kommen und Wirken von Jesus und auf den neuen Bund verstanden, den Gott mit den Menschen geschlossen hat, als er Mensch wurde und zeigte, wie er sein Friedensreich versteht.
Durch den Tod und die Auferstehung des Gottessohns Jesus Christus ist eine neue Zeit angebrochen: Gott kommt den Menschen entgegen. Sein Reich wird dort sichtbar, wo Menschen sich auf Gott einlassen. Auch heute leben wir in einer Spannung – in einer gebrochenen Welt – und warten und hoffen darauf, dass Gott sein Werk vollendet und endgültigen Frieden schafft.
Symbol der Friedensbewegung
Das Schwert, das zu einer Pflugschar umgeschmiedet wird, hat in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Friedensbewegung in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland geprägt. Junge Menschen in der DDR haben das Emblem «Schwerter zu Pflugscharen» auf ihre Jacken genäht.
Viele von ihnen waren in der Jugendarbeit der Kirchen beheimatet und setzten sich damit für Frieden und Abrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ein. Sie nahmen dabei Bezug auf das Monument «Schwerter zu Pflugscharen», das die Sowjetunion der UNO in New York 1948 geschenkt hatte. Weil die Gedanken der friedensbewegten DDR-Jugend nicht der offiziellen DDR-Friedenspropaganda entsprachen, wurden die Aufnäher «Schwerter zu Pflugscharen» verboten.
Die DDR-Spitze verortete die Bedrohung des Friedens in der westlichen Aufrüstung, nicht aber in den eigenen Rüstungsanstrengungen. «Lücke» statt Aufnäher Die Jugendlichen setzten ihr Bekenntnis für den Frieden mit einer «Lücke» auf ihrer Jacke fort, die markierte, dass dort einmal ein Aufnäher war.
Bei der Wende im Jahr 1989 wurde der Aufnäher «Schwerter zu Pflugscharen» bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig zum Symbol einer breiten Volksbewegung für Freiheit und Frieden, der das sozialistische Regime der DDR schliesslich ohne Blutvergiessen nachgeben musste. Die Mauer, die die beiden deutschen Staaten 30 Jahre getrennt hatte, fiel.
Es wurde deutlich, wozu unser frei machender Glaube uns anstiften und wie er hinein wirken kann in unser Leben.
Stärker als Furcht vor Repression
Der deutsche Theologe Nikolaus Schneider erinnert die Wirkkraft der in Micha 4,3 beschriebenen Friedensvision in der Zeit der Wende von 1989 so: «Sie waren nicht alle Christen, nicht alle engagierte Gemeindeglieder und auch nicht alle Kirchgänger. Aber in diesen Kirchen, unter diesen Menschen damals wurde spürbar, was christliche, was evangelische Freiheit – im Wortsinn – bedeuten kann. Es wurde deutlich, wozu unser frei machender Glaube uns anstiften und wie er hinein wirken kann in unser Leben. Die Menschen spürten etwas, das stärker war als die und der einzelne, stärker auch als die Furcht vor Repressionen. Der gewaltfreie Fall der Mauer und die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR gehen auch auf diese Erfahrung zurück: vermittelt im Freiraum der Kirche, vermittelt durch die befreiende Kraft des Evangeliums. Die visionäre biblische Forderung «Schwerter zu Pflugscharen» hat in diesem konkreten historischen Kontext die Gegenwart friedlich verändert.»
Prinzip Hoffnung
«Prinzip Hoffnung» lautet 2026 das Jahresschwerpunktthema des Kirchenboten. Als Basis zu einer theologischen Betrachtung mit fachlichem Aktualitätsbezug dient jeweils eine mutmachende Bibelstelle – diesen Monat ist es Micha 4, 1-5.

Mauer zu Fall gebracht