News aus dem Thurgau
Entwicklungshilfe

Nach den USA nun der Bundesrat

von Tilmann Zuber
min
20.08.2026
Vor eineinhalb Jahren strichen die USA ihre Hilfsgelder. Jetzt will auch der Bundesrat erneut bei der Entwicklungshilfe sparen. Politikerinnen, Hilfswerke und Kirchen fordern den Bundesrat auf, dies zu stoppen.

Anfang 2025 fror US-Präsident Donald Trump die USAID-Gelder ein und stürzte die Hilfswerke weltweit in eine akute Krise. Jetzt bereitet der eigene Bundesrat den nächsten Schlag gegen die Entwicklungszusammenarbeit vor. Diesmal ist es nicht Washington, sondern Aussenminister Ignazio Cassis und Wirtschaftsminister Guy Parmelin, die kürzen wollen. Und diesmal formiert sich der Widerstand nicht nur bei den Hilfswerken, sondern in einem ungewöhnlich breiten Bündnis aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kirchen und ehemaligen Bundesangestellten, das nun in einem offenen Brief an den Bundesrat gemeinsam protestiert.

Der Auslöser: Kurz vor der Sommerpause verkündeten Cassis und Parmelin, die langfristige Entwicklungszusammenarbeit um fast einen Viertel zu kürzen – zugunsten der humanitären Nothilfe, die sie im Gegenzug um 60 Prozent aufstocken wollen. Es ist nicht der erste Einschnitt: Seit 2024 hat die Entwicklungshilfe bereits mehrere Kürzungsrunden hinter sich – zuletzt ein Entlastungspaket im Frühling 2026. Nun soll sich die Schweiz zusätzlich vollständig aus sechs weiteren Ländern zurückziehen. Begründet wird der Umbau mit den steigenden Kosten für Nachtragskredite nach Erdbeben, Überschwemmungen und Kriegen. Das Engagement der Schweiz im Ausland müsse wirksamer und effizienter werden.

Die Unterzeichnenden des offenen Briefs an den Bundesrat sehen darin jedoch keine Effizienzsteigerung, sondern eine kurzsichtige Umverteilung, die den Blick von den eigentlichen Ursachen von Armut, Unsicherheit und Krisen abwendet. Die Dachorganisation der Hilfswerke, Alliance Sud, bringt die Kritik auf einen einprägsamen Nenner: Man kürze den Brandschutz, um die Feuerwehr zu stärken.

Zu den kirchlichen Unterzeichnern gehören unter anderen Christina Aus der Au, Präsidentin des Kirchenrats der Evangelischen Landeskirche Thurgau, Evelyn Borer, Synodalratspräsidentin der Solothurner Kantonalkirche und Vorstandspräsidentin Mission 21, Dominik Zehnder, Kirchenrat Reformierte Kirche Kanton Zürich, und Michel Rudin, Ratsmitglied der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. In Rudins Bereich fallen die beiden Hilfswerke Heks und Mission 21. Für ihn sind die Kürzungen bei der Entwicklungshilfe unverständlich. Gerade in unserer Zeit der Krisen sei es relevant, in die Friedensarbeit und in langjährige Projekte zu investieren, um weitere Spannungen und Kriege zu verhindern. Ausserdem widerspreche der Vorstoss der beiden Bundesräte der humanitären Tradition der Schweiz, die versucht, nachhaltig im Ausland zu helfen, so Rudin gegenüber dem «Kirchenboten».

Ein Jahr zuvor: der Ernstfall

Wie schwierig die Situation der Hilfswerke durch solche Kürzungen wird, zeigt der Blick zurück auf das Jahr 2025. Als die USA ihre Entwicklungsbehörde USAID abrupt schlossen, geriet das Hilfswerk der Evangelischen Kirche Schweiz (Heks) in eine existenzielle Schieflage: Ein Einnahmeausfall von 7,5 Millionen Franken – rund sechs Prozent des Gesamtbudgets – zwang die Organisation, rund 100 Mitarbeitende in Ländern wie der Ukraine, Äthiopien und der Demokratischen Republik Kongo zu entlassen. Die Kürzungen trafen Projekte, die auf lebenswichtige Unterstützung angewiesen waren: Nahrungsmittel, Trinkwasser, Hygieneartikel. In der Ukraine versorgte Heks Menschen nahe der Frontgebiete mit Heizmaterial, im Kongo baute die Organisation im USAID-Auftrag eine Brücke in ein Gebiet mit über 40'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Zukunft all dieser Projekte blieb ungewiss.

Die Kirchen kennen das Muster

Damals wandten sich mehrere Schweizer Hilfsorganisationen – darunter Heks, Caritas Schweiz und Fastenaktion – gemeinsam mit der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und der Schweizerischen Bischofskonferenz in einem offenen Brief an denselben Bundesrat, den sie nun erneut adressieren. EKS-Präsidentin Rita Famos formulierte es damals so: Als Hüterin der Genfer Konventionen und Sitzstaat zentraler UNO-Organisationen trage die Schweiz eine besondere Verantwortung, die man nicht durch radikale Kürzungen unterlaufen dürfe.

Die Kirchen und ihre Hilfswerke fanden vor einem Jahr kein Gehör. Im Gegenteil, wie sich jetzt zeigt. Vielleicht hat jetzt der gemeinsame Vorstoss aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kirche mehr Erfolg. Der Unterschied zu letztem Jahr: Diesmal sitzen die Kirchen nicht allein am Tisch.

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