«No Kings»: Warum die uralte biblische Forderung heute wieder aktuell ist
Während des World Economic Forum WEF schrieb eine Gruppe von Aktivisten mit 450 Fackeln die Parole «No Kings» in den Schnee auf dem Grüniberg oberhalb Davos. Die Botschaft, die sich auf den US-Präsidenten Donald Trump bezog, wurde unten in Davos sofort verstanden. Weltweit berichteten die Medien über die Aktion.
«No Kings» ist ein Ruf, der heute auf Demonstrationen skandiert wird und in sozialen Netzwerken kursiert. Er klingt nach Gegenwart, nach Protest gegen autoritäre Versuchungen. Doch die Parole ist älter, als sie scheint. Ihre Geschichte beginnt nicht in den Strassen moderner Demokratien, sondern in den Texten der Bibel – und führt von dort direkt zur amerikanischen Revolution.
Im Alten Testament ist die Monarchie kein selbstverständliches Modell. In Ägypten, Assyrien, Akkad oder Babylon herrschen altorientalischen Gottkönige mit einem absoluten Anspruch. Israel jedoch versteht sich zunächst als Gemeinschaft ohne König, als das Volk Gottes: Gott selbst gilt als Herrscher, politische Führung wird nur zeitweise übertragen – an Richter (und die Richterin Debora), die keine Dynastien begründen. Macht ist begrenzt, provisorisch, rechenschaftspflichtig. Schon dieses frühe politische Denken enthält ein Misstrauen gegenüber dauerhafter, konzentrierter Herrschaft.
Die biblische Wurzel: Wenn Gott der einzige König ist
Explizit wird diese Skepsis in einer Szene von erstaunlicher Aktualität. Im ersten Buch Samuel fordert das Volk einen König, «wie ihn alle anderen Völker haben». Die Antwort fällt hart aus. Gott sieht darin eine Absage an seine eigene Herrschaft. Der Prophet Samuel warnt vor dem, was folgen wird: Zwangsrekrutierungen der Bauern, Enteignungen des Bodens, Abgaben, soziale Ungleichheit. Der König, so die Botschaft, wird nehmen – nicht dienen. Es ist eine der frühesten bekannten Analysen von Machtmissbrauch.
Zwar etabliert sich später dennoch eine Monarchie. Saul, David, Salomo – sie prägen Israels Geschichte. Doch anders als in den Reichen Ägyptens oder Mesopotamiens wird der König nie sakral überhöht. Er bleibt fehlbar, kritisierbar, dem Gesetz unterworfen. Als David seine Macht missbraucht, um sich Bathseba, die Frau eines seiner Soldaten, gewaltsam zu nehmen, und ihren Mann anschliessend in den Tod schickt, muss er öffentlich Busse tun. Propheten treten dem König entgegen, oft scharf, manchmal lebensgefährlich. Sie erinnern daran, dass Macht kein Selbstzweck ist. Der König ist nicht Gott. Und genau darin liegt der politische Sprengstoff dieser Texte.
Von der Reformation zur Revolution
Diese biblische Machtkritik verschwindet nicht. Sie wandert – über die Reformation und die Puritaner – in das politische Denken des Westens. Besonders sichtbar wird das im 18. Jahrhundert, in den nordamerikanischen Kolonien. Der Widerstand gegen die britische Krone speist sich nicht nur aus ökonomischen Interessen, sondern aus moralischen Argumenten. König Georg III. gilt vielen Kolonisten als Tyrann, als Herrscher ohne Mass.
Predigten vergleichen die Situation in den britischen Kolonien in Nordamerika mit der Knechtschaft Israels. Freiheit erscheint als göttlich legitimiertes Ziel. Die Ablehnung der Monarchie wird zur Frage des Gewissens. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 trägt diese Denkfigur in säkularer Sprache weiter: Macht ist nur dann legitim, wenn sie auf Zustimmung beruht. Herrschaft durch Abstammung verliert ihre Rechtfertigung.
Warum das heute zählt
«No Kings» ist damit kein blosser Slogan. Es ist ein politisches Prinzip, gewachsen aus religiöser Machtkritik des Alten und Neuen Testaments und revolutionärer Erfahrung. Es richtet sich nicht gegen Ordnung, sondern gegen ihre Verabsolutierung. Gegen die Vorstellung, ein einzelner Mensch könne dauerhaft über andere herrschen.
Vielleicht erklärt das seine Wiederkehr. In Zeiten, in denen Macht wieder personalisiert, vereinfacht, glorifiziert wird, erinnert «No Kings» an eine unbequeme Wahrheit: Herrschaft braucht Grenzen. Und Freiheit beginnt dort, wo niemand zum König gemacht wird. Das passt kaum in das Staatsverständnis von US-Präsident Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Erdogan, welche die majestätischen Zeiten des Geldadels, des Reichs der Zaren oder der Osmanen heraufbeschwören.
«No Kings»: Warum die uralte biblische Forderung heute wieder aktuell ist