Popcorn statt Predigt: Kirche Kunterbunt erobert die Schweiz
In der Kornfeldkirche in Riehen steigt am Samstagmorgen eine regelrechte Kids-Party: Vorne spielt eine Band. Die Sängerinnen wippen im Takt und machen einfache Tanzbewegungen vor. 80 Kinder und ihre Eltern machen mit. Sie reissen die Hände in die Luft, drehen sich im Kreis, schwenken hin und her, singen mit.
Einmal im Monat werden Familien zum gemeinsamen Feiern in der Kirche Kunterbunt eingeladen. Dabei handelt es sich um ein international vertretenes Konzept, das Familien eine Ergänzung zum Gottesdienst am Sonntagmorgen bietet. Für die Zukunft der Landeskirchen könnte diese Form wegweisend sein.
Kunterbunt: Generationen, Konfessionen, Menschen
Als Sozialdiakonin Maya Frei, die Kirche Kunterbunt vor drei Jahren in Riehen ins Leben rief, stiess sie damit offene Türen ein. 80 freudige Teilnehmende waren am ersten Samstag dabei. Seither kommen regelmässig zwischen 60 und 80 Leute, von Neugeborenen bis Konfirmandinnen und Konfirmanden – und ihre Eltern und Grosseltern. Nicht nur die Generationen, auch die Konfessionen sind, ganz dem Namen entsprechend, kunterbunt gemischt: Ob reformiert oder katholisch, freikirchlich oder agnostisch, in der Kirche Kunterbunt sind alle willkommen.
«Wir wollen es für die Familien so einfach wie möglich machen, zusammenzukommen», sagt Maya Frei. «Wir versuchen, die Leute dort abzuholen, wo sie sind, und ihnen auf eine praktische Art den Glauben näherzubringen.»
Häufig haben Familien im Alltag wenig Zeit füreinander. Sie wissen nicht, wie sie gemeinsam über Theologie reden sollen.
Eine neue Familienkirche
Kirche Kunterbunt füllt eine Lücke, die in vielen Kirchgemeinden besteht. Viele Angebote richten sich nur an Kinder – etwa Sonntagsschule, die parallel zum Gottesdienst am Sonntagmorgen stattfindet. Die Eltern im einen, die Kinder im anderen Raum. In der Kirche Kunterbunt sollen die Kinder aber nicht «abgegeben» werden, sondern die Familien gemeinsam Zeit verbringen.
Die Zürcher Theologin Prof. Dr. Sabrina Müller hat im Rahmen ihrer Forschung zu neuen kirchlichen Ausdrucksformen gearbeitet. «Häufig haben Familien im Alltag wenig Zeit füreinander», beobachtet sie. «Sie wissen nicht, wie sie gemeinsam über Theologie reden sollen. Kirche Kunterbunt nimmt die Familien dabei an die Hand.» Kirche Kunterbunt ist für die ganze Familie da und deckt alles ab, was kirchlich, liturgisch und theologisch wichtig ist. «In ihrem Ursprung ist Kirche Kunterbunt nicht nur ein Angebot in der Kirchgemeinde, sondern vom Grund her eine eigene Kirche mit vollwertigem Stellenwert als Gemeinde.» In der Umsetzung in der Schweiz handelt es sich allerdings fast immer um ein Angebot aus der Jugendarbeit der Kirchgemeinde – so auch in Riehen. Dabei sollen sich traditionelle Pfarrgemeinden und neue Formen nicht konkurrieren, sondern ergänzen.
Mittlerweile hat sich die Kirche Kunterbunt an vielen Orten in der Deutschschweiz etabliert. Angebote gibt es unter anderem in den Kantonen Basel-Stadt, Baselland, Zürich, Bern, Luzern, St. Gallen, Thurgau und Zug, getragen sowohl von reformierten als auch von katholischen Kirchgemeinden.
Unsere Töchter nehmen sehr viel mit und stellen oft zu Hause noch mehr Fragen zu den Geschichten.
Von England in die ganze Welt
Ihre Wurzeln hat die Kirche Kunterbunt in Südengland, wo sie 2004 unter dem Namen «Messy Church» entwickelt wurde. Initiantin war die Religionspädagogin Lucy More, die damit unter anderem auf die sozialen Probleme in ihrer Gemeinde reagieren wollte. Die Messy Church sollte durch Aktivitäten und gemeinsame Mahlzeiten das Miteinander fördern und Familien zusammenbringen.
Die Messy Church ist Teil der «Fresh Expressions»-Bewegung, die viele innovative Formen von Kirchenleben in sich vereint. Dazu gehören etwa die «Sporty Church», die «Café Church» oder «Forest Church». Heute gibt es rund 5000 Formen der Messy Church in über 30 Ländern. Im deutschsprachigen Raum etablierte sich die Messy Church 2017 unter dem Namen Kirche Kunterbunt, in Anlehnung an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt.
Theater und eine echte Königspython
Auch Andrea Vögtlin, ihr Mann, Yves, und die beiden Töchter sind jeden Monat bei der Kirche Kunterbunt in Riehen dabei. «Ich schätze es sehr, dass Kirche Kunterbunt im Quartier verankert ist», sagt Vögtlin. «Die Beziehungen, die hier entstehen, können wir auch unter der Woche pflegen.»
Kirche Kunterbunt ist in drei Blöcke gegliedert: Erst die Feier-Zeit mit Liturgie, dann die Aktiv-Zeit mit Workshops, Spielen und Basteleinheiten und zum Abschluss ein gemeinsames Essen. Heute geht es um das Thema Mose und die Wüste. Während der Feier-Zeit führen Andrea, Maya Frei und weitere Freiwillige ein kleines Theater auf. Andrea spielt Mose und fleht dabei Gott an, dem Volk in der Wüste endlich Essen zu schicken. Schon kommt von der Kanzel her Popcorn geflogen – das lang ersehnte Manna! «Die Bibel wird hier erlebbar», sagt Andrea später. «Unsere Töchter nehmen sehr viel mit und stellen oft zu Hause noch mehr Fragen zu den Geschichten.»
Vor und nach dem Theater wird gesungen. Die Kirche Kunterbunt in Riehen hat nämlich sogar ein eigenes Lied. Das geht so: «D Kirche Kunterbunt isch krass – Jo, du machts uns riise Spass! Mir sind kunterbunt und guet – Das macht uns total stark und git uns Muet!» Danach geht’s auf in die Aktiv-Zeit. Das Highlight des Tages: Jonathan, ein freiwilliger Helfer, hat seine Königspython dabei. Die Kinder scharen sich um ihn und reissen sich darum, sich die Schlange einmal um den Hals legen zu dürfen. Und nochmal, nochmal, nochmal!
Eine Kirche für viele
«Kirche Kunterbunt ist eine neue Form, Menschen in die Kirche einzuladen», sagt Maya Frei später beim gemeinsamen Mittagessen. Es gibt wie jedes Mal Spaghetti Bolognese. Kompliziert muss es nicht sein. Und gleichzeitig gibt Frei zu: «Unsere Kirche Kunterbunt nimmt viel Vorbereitungszeit in Anspruch.» Sie findet einmal im Monat statt und beinhaltet viele Komponenten. Sabrina Müller sieht genau darin auch die Schwäche des Angebots: Kirche Kunterbunt steht und fällt oft mit dem Engagement einzelner Personen.
Frei sieht das Ganze entspannt. Man könne das Format auch verkürzen oder nur alle paar Monate anbieten. «In die Kirche Kunterbunt kann man ausserdem sehr viele Leute einbinden», sagt sie. Da seien zum Beispiel Eltern, die mit der Kirche kaum etwas am Hut haben, aber dabei helfen, eine Kletterwand aufzustellen. Da ist der Grossvater, der regelmässig Cajon spielt. Auch Teenager werden ins Programm eingebunden: Sie spielen im Theater mit, singen in der Band oder helfen bei den Workshops aus. «Man erlebt Glauben zusammen», sagt Maya Frei, «und auf ganz unterschiedliche Weise. Das spornt Leute an, wiederzukommen.»
Popcorn statt Predigt: Kirche Kunterbunt erobert die Schweiz